Zur Pekinger Volkskunde.99
zwar wird, im Hinblick auf die bevorstehende Siegelöffnung, der letztere quer über den ersteren
geklebt. Nunmehr übergiebt der Siegelbewahrer den Schlüssel wieder dem Vorsitzenden und trägt
das Siegel in die Siegelkammer, jcp Jj|t yin4-k‘u4. Damit hat der feierliche Akt sein Ende erreicht,
und die Beamten verlassen unter gegenseitigen Glückwünschen den Ort ihrer Thätigkeit, um sich
erst einen Monat später wieder an demselben einzufinden.
Der Tag des feng'-yin4 ist in Peking ein besonderer Festtag für die Bettler und Vagabunden,
da sie an diesem Tage straffrei sind. Sie benutzen daher die Gelegenheit, um mit Vorliebe Passanten,
die, von ihren Markteinkäufen heimkehrend, Mundvorräte bei sich führen, zu bestehlen. Werden
sie auf der That ertappt, so riskieren sie höchstens, eins ausgewischt zu bekommen, ohne jedoch
böse Folgen gewärtigen zu müssen.
Die Siegelöffnung, £p k‘ai1 -yin4, die den Wiederbeginn der dienstlichen Thätigkeit be
zeichnet, erfolgt genau einen Monat nach dem feng1-yin4 und ist mit der nämlichen Ceremonie wie
dieses verbunden. Man achtet darauf, dafs das erste Aktenstück, das im neuen Amtsjahre mit dem.
Siegel versehen wird, ein Hy ^ chf-hsiang^-ti'-kung'-shih4, d. h. ein solches sei, dessen
Inhalt von günstiger Vorbedeutung ist.Fünftes Kapitel.
V olksbelustigungen.
I. Fahrendes Volk: Sänger und Sängerinnen, Geschichtenerzähler.
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Erst seit etwa zwanzig Jahren sollen in Peking die sogenannten ffi - J1 cliurhI -pan1 -
tszä3, d. h. Truppen von Eiedersängerinnen, bestehen. Dieselben stehen unter der Leitung eines
Impresario, =g= chang3-pari1 -ti1, der meistens irgend ein verkommenes Subjekt ist und zugleich
die Rolle eines Zuhälters spielt. Derselbe kauft zwölf- bis dreizehnjährige Mädchen von hübschem
Äufsern auf, gewöhnlich Töchter armer Eltern, läfst sie im Gesang und in der Musik ausbilden und
sorgt dafür, dafs sie stets elegant und geschmackvoll gekleidet sind Man Hfst diese
Sängerinnen oft zu Vermählungs- und Geburtstagsfeiern sowie auch zum man3-yüeh4 (s. S. 5) ins Haus
kommen und die Gesellschaft durch ihre Gesangsvorträge unterhalten. Sie erscheinen dann im
schönsten Staate und beglückwünschen das Familienoberhaupt stets durch Kotou; auch beschränken
sie sich bei solchen Gelegenheiten nicht nur darauf, ihre Lieder vorzutragen, sondern bedienen aufser-
dem die anwesenden Damen nach Wunsch mit Tabakspfeifen u. dergl. Gewöhnlich singen sie zunächst
irgend ein Glückwunschlied, so z. B. bei einer Hochzeitsfeier das Lied: 55llt JÜfg, >>der Himmels
mandarin möge Glückssegen verleihen«, oder bei einer Geburtstagsfeier das Lied: Af|lj »die
acht Genien wünschen Glück«. Nachdem sie dann noch ein oder zwei Lieder vorgetragen haben,
werden Zettel, die das Repertoire der Truppe enthalten, shou3-che2, umhergereicht, und zwar
geschieht das bei den Herren durch den Impresario, bei den Damen durch die Mädchen selbst. Es
steht jedem der Gäste frei, eine Nummer aus dem Programm zu wählen, doch mufs er in solchem
Falle für den Vortrag des gewünschten Liedes ein Geldgeschenk von mindestens 8 Tiao spenden.
Das Geld wird vom Impresario in Empfang genommen und einkassiert; die Mädchen erhalten ubei-
haupt keine Bezahlung, sondern nur freie Station und Kleidung: sie sind Eigentum des chang
pari1 - ti1. Obwohl diese Sängerinnen, wenn sie in Privathäusern auftreten, sich stets höchst anständig
und gesittet aufführen, so sind sie doch jederzeit käuflich und stehen daher in dieser Hinsicht auf
gleicher Stufe mit den Prostituierten.