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Full Text: Tribus, 8.1959,N.F.

Buchbesprechungen 
133 
zeigt sich deutlich, daß es sich bei diesem 
Bund zum Zeitpunkt der Beobachtung um 
eine bewußt gesiebte Elite gehandelt hat. 
Der Bund rekrutierte sich damals aus allen 
Schichten. Er umfaßt etwa ein Fünftel der 
Bevölkerung (p. 28). Der Novize muß sich 
durch einen Probetanz als potentiell würdig 
erweisen und geht dann durch eine lange 
Anlern-Zeit der akuten Initiation entgegen. 
Der Bund staffelt sich in zehn Grade, und 
der Initiand wird in den ersten untersten 
aufgenommen. Insbesondere betrachtet der 
Verf. die Kulthandlung des Mästens, den 
Abschluß vor der Sonne, des Sich-füttern- 
lassens und des Badens, die ihm beim Initia 
tionskomplex von besonderer Bedeutung zu 
sein scheinen. 
Der Arioi-Orden stand nicht heterogen 
neben der allgemeinen Gesellschaftsstruktur 
auf Tahiti, „er stand nicht ,neben“ der Kaste 
der Arioi, er war vielmehr personell und 
interessenmäßig mit dieser aufs engste ver 
filzt“ (p. 49). Bei der Besprechung der Funk 
tionen gliedert der Verf. in „Geheime Funk 
tionen“, „Gesellschaftliche Funktionen (Das 
Reisen)“ und „Kulturelle Funktionen (Der 
Mimus und die Festspiele)“. Schon bei die 
sem Abschnitt zeigt sich die enge Verbindung 
des Ordens zum religiösen und mythischen 
Konzept des Gottes Oro, was dann im 
Mythos von der Stiftung des Ordens ganz 
deutlich wird. Der Verf. geht auf das innere 
Leben und die Zusammensetzung des Ordens 
ein, auf die gesellschaftliche und wirtschaft 
liche Stellung der Ordensmitglieder, ökono 
misch gesehen sind die Arioi „ein privilegier 
ter Haushaltsverband mit leiturgischer oder 
mäzenatischer Bedarfsdeckung““ (p. 111). 
Große Sorgfalt verwendet der Verf. auf 
eine Erhellung der Kindestötung und ihrer 
Motive, für welche der Bund der Arioi von 
Anfang an in der Literatur berühmt gewor 
den ist. Dabei kommt er nach Abwägen aller 
Angaben zu folgendem Urteil: „Das Gebot 
der Kindestötung galt unbedingt für die An 
gehörigen der unteren Grade des Ordens. 
Verletzten diese das Gebot, so wurden sie 
Arioi-fanaumau, aus dem Orden entlassene 
Arioi. Dagegen fühlten sich die den Arioi- 
Familien entstammenden Mitglieder der hö 
heren Ordensgrade nicht unbedingt an das 
Gebot gebunden, und die Praxis war schwan 
kend .. . das leitende Interesse war dann eben 
die Reinerhaltung des adeligen Stammbau 
mes“ (p. 124). Es ist nicht ohne Bedeutung, 
bereits hier darauf hinzuweisen, daß die 
Kindestötung, die für die nicht aus den Arioi- 
Familien stammenden Mitglieder obligato 
risch war, eine Parallele im Oro-Mythus hat, 
auf welche der Verf. selbst hinweist. 
Der vergleichende Abschnitt der Untersu 
chung wendet sich erst den Kaioi auf den 
Marquesas-Inseln zu, dann den Hawaiischen 
Tanzgesellschaften der Hula sowie den Neu 
seeländischen Schulen, whare kura, whare 
wananga und whare karioi! Von entschei 
dender Bedeutung für die Erhellung des gan 
zen Problems ist nach wie vor die Frage nach 
der Bedeutung des Gottes Oro und seinem 
esoterischen wie exoterischen Kult. Die ur 
sprüngliche Figur des Gottes Oro stammt 
nach dem Verf. noch aus der alt-polynesi- 
schen Schicht (p. 185). Bei seinen weiteren 
Ausführungen zu diesem Thema ist der Verf. 
nicht ganz frei von Auslegungen im Sinne 
der Naturmythen-Theorie. Oro war nicht 
nur Todes- sondern auch Unsterblichkeits 
gott, nicht nur Kriegs-, sondern auch Frie 
densgott (p. 168). Dagegen erhebt der Verf. 
Bedenken, ob Oro auch ein Himmelsgott ge 
wesen ist (p. 164—166). 
Der Verf. ist der Ansicht, daß der Bund 
der Arioi, welcher von Tamatoa I. von 
Raiatea im 16. Jahrhundert gestiftet worden 
ist (neugestiftet?), auf dem Junggesellen- 
wesen der alt-polynesischen Schicht aufbaut. 
Bei seiner Aufteilung in alt- und Jungpoly- 
nesische Schicht hält sich der Verf. ziemlich 
eng an Handy. Und als wichtigste Neue 
rungen, welche die Kultur der Arioi für die 
altpolynesischen Tanzgcscllschaften vom Typ 
der whare karioi mitbrachte, nennt er: grö 
ßere und seetüchtige Plankenboote, Kostüm 
drama, Schweinezucht und völlige Neuorga 
nisation der Arioi. 
Schließlich greift er eine Anregung von 
Handy auf und versucht einige Elemente 
des Oro-Komplexes herauszuschälen, die im 
merhin buddhistischen Einflusses verdächtigt 
werden könnten. Von mythologischen Über 
einstimmungen nennt er die magische Geburt 
von Oro durch Hina; die Tatsache, daß Oro 
seine Gattin verläßt, nachdem sie ihm ein 
Kind geboren hat; schließlich mutet ihn die 
Heilslehre der Oro-Mysterien buddhistisch 
an. Dann erwähnt er noch Ritualhandlungen, 
die an buddhistische oder jainistische Obser 
vanzen erinnern: die Dickbäuche, die Be 
schattung durch Bäume, das Schulterentblö-
	        
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