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Full Text: Tribus, 9.1960,N.F.

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Walter Krickeherg 
Reliefen aus waagerechten Balken und Kreisen bestehen. Auf der Ostseite des 
Steins begleiten die Daten zwei Figuren: eine kniende oder hockende Frau und einen 
aufrecht vor ihr stehenden Mann, deren Gesichter zum Teil ausgekratzt wurden und 
deren Kopfputz von einer mit Schmuckscheiben besetzten Stirnbinde und dem mixteki- 
schen Jahressymbol gebildet werden. Es setzt sich aus Trapez und Strahl zusammen 
und gehört ebenfalls zu den Merkmalen älterer Denkmäler auf der Mesa Central und 
in Xochicalco, deren Terminus ante quem Alfonso Caso ans Ende des 10. nach 
christlichen Jahrhunderts verlegt 21 ). Auch die ganze sonstige Ausstattung der beiden 
Figuren ist von der aztekischen grundverschieden und ebenso fremdartig wie der 
lange, an beiden Enden ornamental gestaltete Stab, den der Mann neben einem kleinen 
Schild mit Scheiben am Rande und langem, unterem Federbehang in den Händen hält. 
Diese Szene hängt wahrscheinlich mit dem Relief auf der Südseite des Steins zusam 
men. Hier sieht man einen Tempel mit hohem, spitzem Dach aus sorgfältig geschich 
tetem Stroh oder Palmblättern und mit pyramidalem Unterbau, dessen Absätze die 
für die ganze ältere Architektur Mexicos charakteristische Gliederung in einen ge 
böschten Sockel und einen senkrechten, kassettierten Fries aufweisen. Die Pyramiden 
treppe ist nach links gekehrt, wo sich eine Fedcrschlange über dem Datum „4 Bewe 
gung“ (dem Namen der Sonne) w'ölbt. Auch die Federschlange ist hier ein Symbol 
der älteren, vor allem der toltekischen Kunst und stellt den Himmel dar, den die 
aztekische Kunst später durch ein abstraktes Symbol, den Sternhimmelfries, verkör 
perte; daher ist sie, wie der Sternhimmelfries, auf der Unterseite mit der Hieroglyphe 
des Planeten Venus verbunden. Die Tolteken übernahmen die Federschlange aus der 
Kunst Teotihuacans, wo sie aber noch nicht den Himmel, sondern Wasser und Vege 
tation bedeutete. 
Ungefähr gleichzeitig mit diesem Denkmal entstand auf dem Cerro de la Malinche 
bei den Ruinen von Tula (Hidalgo), dem historischen Hauptsitz der Tolteken, ein 
großes Felsbild, das die toltekische Kunst an einem eindrucksvollen Beispiel zeigt. Es 
wurde ziemlich hoch über der alten Stadt in das dunkle, kompakte Gestein gegraben, 
das dem Meißel des Bildhauers vier glatte, in stumpfen Winkeln aneinander stoßende 
Flächen bot, von denen die beiden mittleren zwei Götterbilder, die seitlichen zwei 
Jahresdaten in sehr flachem Relief tragen. Leider hat nicht nur die Verwitterung, 
sondern auch die teilweise Zerstörung der Bilder bei der Eroberung Tulas durch die 
Chichimeken, die (wie in Maltrata) die Gesichter beider Götter zerkratzten, dazu bel- 
getragen, daß sie heute, von unten gesehen, nur noch schwach zu erkennen sind 22 ). 
Zur Linken ist die Wasser- und Maisgöttin in voller Vorderansicht wiedergegeben; 
dies kommt in der aztekischen Reliefplastik bei Götterbildern ziemlich selten vor, in 
der toltekischen dagegen häufig. Die Göttin steht vor einer durch Wellenlinien, Wirbel 
und Schneckengehäuse charakterisierten Wasserfläche und hält in der Rechten eine 
21 ) García Payón in El Mexico Antiguo IV 7/8 (1939) S. 241—252. Caso ,,E1 calen 
dario Mixteco“ in Historia Mexicana V 4 (1956). 
22 ) Daher gab es bisher nur Zeichnungen des Felsbildes. Vgl. García y Cubas i. Boletín 
de la Sociedad de Geogr. y Estad. 3. Ep. I (1873) Fig. 10; Pcñafiel in den „Monu 
mentos del Arte Mexicano Antiguo“ (1890) Tafelband I (Taf.) und Enrique Meyer 
in der Revista Mexic. de Estud. Antropol. III 2 (1939).