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Full Text: Tribus, 9.1960,N.F.

Manuel Ballesteros Gaihrois 
Spanische archäologische Forschungen in Amerika im 18. Jahrhundert 
Die Geschichte des Alten Amerika baut sich vornehmlich auf den von den india 
nischen Kulturen überkommenen Zeugen auf. Es sind dies in erster Linie „stumme“ 
Zeugen, denn — wie ja bekannt — waren die amerikanischen Eingeborenen schrift 
los, mit Ausnahme der Maya, deren Hieroglyphen jedoch noch nicht vollständig ent 
ziffert werden konnten. Aus diesem Grund ist innerhalb aller amerikanistischen 
Studien die Archäologie von entscheidendem Wert, da die historischen Überlieferun 
gen nicht weiter als drei- oder vierhundert Jahre zurückreichen, die Archäologie aber 
die Grenzen der Zeit öffnet und sogar Licht auf die frühesten Epochen der Kultur 
in Amerika wirft. 
Die archäologische Forschung in Amerika, die heute als aufschlußgebende Grund 
lage das historische Gebäude der vorkolumbischen „Indios“ trägt, nimmt ihren An 
fang im 18. Jahrhundert, in dem so viele, heute weltweite Wissenschaften in Europa 
Gestalt annahmen. Es ist das Charakteristikum des 18. Jahrhunderts, daß es praktisch 
Höhepunkt der aus der Renaissance geborenen modernen Welt ist. Alle großen wis 
senschaftlichen Leistungen des 17. Jahrhunderts (das Jahrhundert der „Infinitesimal 
rechnung“ und des „Gravitationsgesetzes“ von Leibniz bzw. Newton) werden mit 
geteilt, verbreitet, werden zum Gemeingut aller durch das Werk der „Aufklärer“ des 
18. Jahrhunderts. Die Menschen dieses Jahrhunderts waren sich bewußt, daß auf 
wissenschaftlichem Gebiet Organisation nottut, und sowohl in Frankreich wie in Sach 
sen vollzieht sich, gleichfalls als Kind des 17. Jahrhunderts, die Gründung der Aka 
demien. Die Zusammenkünfte der wissenschaftlichen Gesellschaften finden immer 
häufiger statt. Es herrscht eine Unruhe, eine gewisse Eile (wie wir sie auch heute noch 
erleben), den übrigen von den Entdeckungen und den Fortschritten Mitteilung zu 
machen. Diese Art großzügiger Mitteilsamkeit ist eines der fruchtbarsten Mittel zur 
Verbreitung und zum Fortschritt im 18. Jahrhundert. War dies allgemein der Fall, so 
können wir annehmen, daß es auch im besonderen zutraf, das heißt im Bereich jeder 
einzelnen Wissenschaft, also auch auf dem Gebiet der Archäologie, die uns hier inter 
essiert. 
Schon in den Tagen der Renaissance, als besonders die römischen Statuen in die 
Gärten und an die Höfe (cortili) der Fürsten und Kardinäle gebracht wurden, hatte 
die Archäologie — die Betrachtung der Reste des Altertums, besonders der Kunst 
werke — begonnen, sich zu bilden. Aber diese ästhetische Betrachtung war noch frei 
von wirklicher wissenschaftlicher Unruhe, wie sie sich in der uns jetzt interessierenden 
Zeitspanne offenbarte. Bevor ich jedoch in der Darstellung der wissenschaftlich 
archäologischen Anliegen fortfahre, erscheint es mir für das Thema von besonderem 
Interesse, aufzuzeigen, was das 18. Jahrhundert für Spanien und seine überseeischen 
Besitzungen in Amerika bedeutet.