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I. Die psychischen Elemente.
so daß z. B. die Unlust des Zahnschmerzes, eines intellektuellen
Mißerfolgs, eines tragischen Erlebnisses usw. ihrem Gefühlsinhalt
nach identisch sein sollten. Noch andere suchten die Gefühle
mit speziellen Empfindungen, namentlich Haut- oder Muskel-
empfindungen, zu identifizieren. Den Problemen der zusammen-
gesetzten Gefühlsvorgänge, also auch der ganzen Ästhetik und
Ethik, stehen diese Theorien entweder völlig ratlos gegenüber,
oder sie behelfen sich bei ihnen mit intellektualistischen Inter-
pretationen nach dem Vorbild der Vulgärpsychologie. Dabei
pflegt man zuerst die ästhetische Wirkung mittels logischer Re-
fAlexionen über sie zu beseitigen, um ‚dann nachträglich zu
behaupten, daß diese Reflexionen jene Wirkuug selbst seien.
Eher ließe sich denken, die sechs Gefühlsklassen, die sich aus
den oben unterschiedenen drei Hauptrichtungen ergeben (Lust,
Unlust, Erregung, Hemmung, Spannung, Lösung), seien an sich
schon konkrete einfache Qualitäten, bei denen nur durch ver-
schiedene Stärke und Mischung der Faktoren qualitative Unter-
schiede entstünden. Für diese Annahme scheinen in der Tat die
Aussagen solcher Personen einzutreten, die sich in partieller
Hypnose und infolge der mit dieser verbundenen Einengung des
Bewußtseins (8 18, 8) in einem die subjektive Gefühlsanalyse be-
günstigenden Zustand befinden (0. Vogt). Möglicherweise steht
aber hier jene der Unterscheidung der Hauptrichtungen der Ge-
fühle förderliche Einengung des Bewußtseins doch zugleich einer
tiefer eindringenden Analyse im Wege. Jedenfalls sprechen gegen
eine solche Uniformität der sechs Grundqualitäten schon die
Eigenschaften der einfachen Farben- und Tongefühle. Wenn man
z, B. das spektrale Blau vom tiefen Himmelblau nach Indigoblau
verschiebt, so erhält man beidemal den eigentümlich beruhigen-
den Eindruck dieser Farbe, aber in einer etwas verschieden ab-
getönten Weise, die sich schwerlich auf das Hinzutreten einer
andern Gefühlsrichtung zurückführen läßt. Noch weniger dürfte
man aber mit der Annahme von drei einförmigen Gefühlspaaren
bei denjenigen Gefühlen ausreichen, die an zusammengesetzte
Eindrücke gebunden sind. So ist das Erklingen der großen Terz,
der Quarte und Quinte nicht bloß von intensiv, sondern auch
von qualitativ abweichenden Lustgefühlen begleitet. Der Mangel
an sprachlichen Bezeichnungen erschwert freilich sehr die sichere
Unterscheidung solcher Gefühlsnuancen. Doch dieser Mangel darf