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Besprechungen
Ëtnografja v stranach socializma. Ocerki razviti)a nauki. [Die Ethnographie in den Ländern des Sozia
lismus. Abriß der Entwicklung der Wissenschaft]. Moskva, izd. „Nauka“, 1975. 344 S., Abb.
Mit diesem Sammelband wird dem wissenschaftlich interessierten Leser erstmalig eine gedrängte
Übersicht über Entwicklungsstand und -problème der Ethnographie und Folkloristik sozialistischer
Länder in die Hand gegeben. Sein Erscheinen geht auf die Initiative führender sowjetischer Fachver
treter zurück, die auch die Zusammenstellung und redaktionelle Bearbeitung des Bandes übernahmen.
Er vereinigt 15 Beiträge, die sich mit dem Zustand und den Perspektiven der Disziplin in der Sowjet
union, in Bulgarien, Ungarn, der DDR, der DR Vietnam, der VR Korea, in der Mongolischen VR,
in Polen, Kuba, Rumänien, der CSSR und der FSR Jugoslawien befassen. Bei einem Vorhaben von
solchem Ausmaß und angesichts der Vielfalt in der Einheit der marxistisch-leninistischen Ethnographie
und Folkloristik konnten die FIrsg. nur allgemeine Vorstellungen als Vorgaben für die Anlage der
einzelnen Beiträge fixieren. Normierung und Reglementierung in Richtung auf eine rigorose Unifizie
rung hätten der Darstellung unvermeidlich Fesseln auferlegt, denn die marxistisch-leninistische Eth
nographie und Folkloristik befindet sich in den einzelnen Ländern in unterschiedlichen Stadien der
Ausprägung ihres theoretisch-methodologischen Profils.
Von gemeinsamen, die sozialistischen Länder verbindenden Positionen ausgehend, greifen die
Forscherkollektive der Ethnographie und Folkloristik in den einzelnen Ländern Themen auf, deren
Notwendigkeit und Berechtigung sich aus jeweils konkrethistorischen Bedürfnissen der weiteren
Entwicklung der sozialistischen Kulturrevolution ergibt. Das wird durch die Gesamtheit der Beiträge
ausgewiesen. Der enge Zusammenhang der theoretisch-methodologischen und thematischen Aufgaben
stellung der Disziplin mit den kulturpolitischen Erfordernissen der Pflege des wertvollen Erbes der
traditionellen Volkskultur und der Entwicklung der sozialistischen Lebensweise und Kultur der werk
tätigen Klassen und Schichten während der verschiedenen Etappen der gesellschaftlichen Entwicklung
wird in allen Beiträgen als einheitliche Leitlinie der Darstellung sichtbar. Die Vertreter der Fach
disziplinen fanden zu Beginn der sozialistischen Entwicklung in den verschiedenen Ländern jedoch
unterschiedliche wissenschaftsgeschichtliche und forschungsmethodologische Ausgangspositionen vor.
Dementsprechend weist auch die Auseinandersetzung mit dem reaktionären Erbe und die kritische
Würdigung progressiver wissenschaftlicher und kulturpolitischer Traditionen in der Geschichte der
Disziplin eine Vielfalt konkreter, jeweils im Maßstab eines einzelnen Landes zu lösender Aufgaben
auf.
Unter diesen Bedingungen, auf die die Hrsg, im Vorwort bei der Vorstellung des Vorhabens näher
eingehen, bestand das Anliegen vor allem darin, wissenschaftlich zuverlässige Informationen über
Entwicklungsstand und -Perspektiven der Disziplin in den sozialistischen Ländern einem interessierten
Leserkreis - auch in kapitalistischen Staaten - zu vermitteln. Dieses Ziel wurde erreicht. Die von
namhaften Fachvertretern ihrer Länder, im Falle Kubas, Vietnams, Koreas und der Mongolischen VR
von bekannten sowjetischen Spezialisten verfaßten Beiträge referieren kenntnisreich und sachdienlich
über Hauptprobleme und Hauptrichtungen der Disziplin in den einzelnen Ländern. Der Leser ge
winnt einen Einblick in die organisatorische Struktur der mit der Erforschung der Lebensweise und
Kultur der werktätigen Klassen und Schichten und mit der ethnographisch-folkloristischen Lehre
befaßten wissenschaftlichen Institutionen und ihre jeweiligen Schwerpunkte in der Forschungs- und
Lehrtätigkeit sowie in der Arbeit auf dem Gebiet des Museumswesens. Relativ umfangreiche Aus
wahlbibliographien geben dem Interessierten Hilfsmittel zum vertieften Studium in die Hand.
Die Beiträge weisen überzeugend nach, daß der Sozialismus die Disziplin von Zwängen und Ein
schränkungen befreite, die letztlich im System der Ausbeutung begründet waren, und ihr eine würdige
Entwicklungsperspektive eröffnete. Das gilt in gleicher Weise für die Sowjetunion mit ihren reichen
Arbeitsergebnissen und -erfahrungen, in sechs Jahrzehnten sozialistischer Gesellschaftspraxis bei der
Durchführung der Leninschen Nationalitätenpolitik gewonnen, wie für die DR Vietnam oder die
VR Kuba, wo im Kampf um die Überwindung des schweren kolonialen Erbes soeben erst ein neues
Kapitel in der Geschichte der Ethnographie als Wissenschaft begonnen wurde.
Bei der Komplexität des Forschungsgegenstandes und den vielfältigen Beziehungen zu anderen
gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen, die das Profil der Ethnographie und Folkloristik als
Wissenschaft mitprägen, mußten sich die Autoren große Beschränkung bei der Wahl der Themen auE
erlegen, an denen die marxistisch-leninistische Orientierung in der Entwicklung der Disziplin abzulesen
ist. Neben einem Aufriß der Forschungsthemen zur Geschichte der materiellen und geistigen Kultur,
die im Falle der VR Ungarn, der VR Kuba und der Mongolischen VR in gesonderten Beiträgen