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Full Text: Tribus, 23.1974

Buchbesprechungen 
223 
möge nach mir niemand mehr auferstehen!“ — 
Am Schluß von Text Nr. 44, der den Kampf 
eines Schamanen in Stiergestalt schildert, muß 
es statt „sein Gegner starb mit ihm“ doch 
wohl heißen, „sein Gegner machte ein Ende 
mit ihm“ (der russische Wortlaut bei Kseno- 
fontov: pokoncil s nim ego protivnik). 
In vielen Fällen hätte man sich mehr an 
„Bearbeitung“ dort gewünscht, wo der Her 
ausgeber sich sehr zurückhält. Zwar hat das 
Buch eine ethnographische Einleitung; aber in 
ihn wird nur in sehr knappen Strichen eine 
Skizze der wirtschaftlichen und weltanschauli 
chen Grundlagen der Altvölker Nordeura 
siens gegeben. Manche Einzelheiten der Texte, 
auch aus F’s eigenem Material, werden ge 
rade dem nicht speziell ausgebildeten Leser 
kaum voll verständlich sein. Genauere Erläu 
terungen zur Erzählform, zu Einzelmotiven 
und Realien sowie über den Charakter der 
Quellen wären willkommen gewesen. Wenn 
der Herausgeber schon Anmerkungen scheute, 
hätte er wenigstens mit einem Index oder 
Glossar, vielleicht auch mit bibliographischen 
Hinweisen, dem Benutzer etwas Hilfestellung 
geben können. Vermutlich hätte mehr wissen 
schaftliche Aufarbeitung des Stoffes, notfalls 
mit weniger Texten, da die Auswahl aus der 
riesigen Masse des Materials nie frei von 
Willkür sein kann, den Wert dieser dankens 
werten Anthologie noch erhöht. 
Georg Buddruss 
V1LMOS DIÓSZEGI: 
Tracing Shamans in Siberia. The Story of 
an Ethnographie al Research Expedition. 
Translated from the Hungarian hy Anita 
Rajkaj Babà. Oosterhout: Anthropological 
Publications. 1968. New York: Humanities 
Press [1972]. 328 S., 24 S. Abb., zahlreiche 
Zeichn. 
Der ungarische Gelehrte konnte 1957/58 
15 Monate lang, mit Kamera, Tonbandgerät 
und Notizbuch ausgerüstet, durch Südsibirien 
reisen. Er hatte Gelegenheit, die ethnographi 
schen Sammlungen in den Museen von Ir 
kutsk, Krasnojarsk und Kyzyl zu studieren 
und Feldforschungen bei den Burjaten am 
Baikalsee, bei Turkstämmigen im Gebiet von 
Abakan und schließlich in entlegenen Dörfern 
der Sajan-Bcrge (Tuva) am Uda-Fluß sowie 
am Großen und Kleinen Jenissei zu treiben. 
Zwischendurch hatte er die Möglichkeit, zu 
sammen mit dem berühmten Archäologen A. 
P. Okladnikov Felsbilder am Ufer der Oka 
zu besichtigen. 
Die Reise zielte vor allem auf das Studium 
des sibirischen Schamanismus. Der Autor war 
sich klar, daß er nur noch nach den Spuren 
einer untergehenden oder schon entschwunde 
nen Kultur suchen konnte. Zur politischen 
Problematik beschränkt er sich auf die Andeu 
tung, daß viele Schamanen sich in den Revo 
lutionsjahren gegen die Sowjetmacht gestellt 
hatten und daß „strenge Maßnahmen“ (S. 10) 
gegen sie ergriffen werden mußten. Kollegen 
in Leningrad hatten ihm vor seiner Abfahrt 
versichert, Feldstudicn zum sibirischen Scha 
manismus böten keine Aussicht mehr auf Er 
folg, seine Reise werde auf bloßen Touris 
mus hinauslaufen. 
Aber D. ließ sich nicht entmutigen, und am 
Schluß sah er sich reichlich für alle Mühen und 
Strapazen belohnt. Zwar schämten sich man 
che ehemaligen Schamanen ihres früheren Tuns 
und wollten nicht darüber reden. Die Suche 
nach Informanten war oft mühsam. Doch 
fanden sich alte Leute, die sich gut der alten 
Zeiten erinnerten, die noch Schamanenkappen 
nähen und Trommelstöcke schnitzen konnten. 
Am Theater von Kyzyl traf D. einen Schau 
spieler, der ausführlich über seine Mutter, die 
Schamanin gewesen war, zu berichten wußte. 
Der Autor begegnete auch früheren Schama 
nen, die bereitwillig von ihrer Werdezeit, 
ihren Hilfsgeistern, ihrer Trommel und ihrer 
Tracht erzählten. Er vermochte, neue Details 
über regionale Unterschiede der Schamanen- 
Kostüme, über Skelett-Abbildungen (S. 246 
und Abb. 17), Trommelherstellung und die 
Kunst des Trommeins zu eruieren, er konnte 
zahlreiche Tonaufnahmen von Schamancn- 
Gesängen machen und mit Hilfe sowjetischer 
Linguisten transkribieren. Schließlich konnte 
er sogar noch von ihm bestellte sdiamanische 
Seancen miterleben und beobachten, wie die 
Zuschauer in den Bann der Darstellung ge 
rieten. 
Das vorliegende Werk ist sicherlich nicht 
als wissenschaftliche Auswertung der Reise 
ergebnisse gedacht. Es verzichtet ganz auf 
einen gelehrten Apparat. Ethnographische Da 
ten, Neufunde zum Schamanismus sowie theo 
retische und historische Erörterungen werden 
meist nur kurz gestreift, etwa in einem Ge 
spräch mit Potapov (S. 313 ff.). Das Buch wen 
det sich an einen weiteren Leserkreis, für den
	        
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