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Full Text: Tribus, 23.1974

230 
Buchbesprechungen 
AFRIKA 
HANS JENNY: 
Afrika, kommt nicht mit leeren Händen. 
Die Zivilisationskrise des schwarzen Man 
nes. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Verlag 
W. Kohlhammer. 1971. 280 S., 4 Diagr., 
8 Ktn. i. T. 
Dem Völkerkundler will und kann das 
Buch für sein Fachgebiet nichts Neues sagen; 
sein Ziel ist, das Afrikabild des Nichtafrika 
nisten zu erweitern und zu verändern. Aber 
soweit der Afrikanist sich auf seine speziel 
len Themata kaprizierte, vermag vielleicht 
diese Arbeit auch sein überkommenes Afrika 
bild in notwendiger Weise zu verändern; 
zumal das Thema, die gegenwärtige Krise, 
von vielen noch als außerhalb der Ethno 
logie betrachtet wird. Trotz des drei Jahre 
zurückliegenden Erscheinungsdatums ist das 
Buch keinesfalls veraltet. 
In der ersten Hälfte seiner Abhandlung 
zeigt Jenny, rückblickend auf neun Afrika 
reisen, die Krise gegenwärtiger afrikanischer 
Entwicklung auf — auf einem ziemlich un 
differenzierten „afrikanischen“ Hintergrund 
— ohne daß recht klar wird, ob es sich da 
um eine afrikanische Krise, eine Krise des 
europäischen Selbstverständnisses oder was 
immer handelt. Jedenfalls erhellt die Krise 
nach Ansicht des Autors nicht allein aus der 
Dekolonisation. In der zweiten Hälfte wer 
den verschiedenen Lösungsansätzen je einzelne 
Kapitel gewidmet: dem Islam, in ihm sieht 
Jenny eher eine Barriere gegenüber der mo 
dernen Welt als eine Brücke zu ihr; dem 
Christentum, dem er gewisse Bedeutung ein 
räumt, zumindest hält er die Mission für 
„ein Ruhmesblatt in der Geschichte der 
abendländischen Völker“; der Philosophie der 
Gleichheit, da „fehlen die Voraussetzungen 
für das Gleichheitsprinzip innerhalb der afri 
kanischen Gesellschaftsstruktur“; dem Marxis 
mus. Jenny handelt hier mehr über faktische 
Ostblockpolitik als von der Frage, ob der 
Sozialismus für alle oder einige afrikanische 
Staaten zukunftsträchtig sein könne. Aus re 
ligionspsychologischen Gegebenheiten, die er 
für Neger annimmt, räumt er dem Sozialis 
mus keine Chance ein; dagegen setzt er 
einen afrikanischen Sozialismus, der auf kol 
lektivem Grundbesitz basiert. (Es erscheint 
mir problematisch, das Wort Sozialismus 
außerhalb seines historischen Kontextes zu 
verwenden; cf. Baudin, Der sozialistische 
Staat der Inka, Hamburg 1959.) Den pan- 
afrikanischen Vorstellungen bringt Jenny zu 
recht Zweifel entgegen; die Négritude kriti 
siert er als zu elitär; am Beispiel der Elfen 
beinküste weist er die Möglichkeit eines 
schwarzen Kapitalismus auf (vgl. dazu W. 
Holzer, Kapitel ,Elfenbeinküste' in Holzer, 
26 mal Afrika, München 1967). Das Exem 
pel der „lusitanischen Mission“ kann nicht 
für Gesamtafrika maßgebend sein. Und im 
Kapitel Partnerschaft oder weiße Suprematie 
nimmt Jenny bei leisen Vorbehalten gegen 
über der Apartheit eine recht optimistische 
Stellung ein. (Dabei unterläuft es ihm, die 
schwarze Bevölkerung in Südafrika als Min 
derheit zu bezeichnen, p. 208.) In der Kritik 
der Entwicklungshilfe betont Jenny, daß er 
„glaubwürdige Beweise für die indirekte Be 
herrschung unabhängiger afrikanischer Län 
der durch die ehemaligen Kolonialmächte“ 
vermißt. Er ruft, auf Wilhelm Röpke ver 
weisend, zum Umdenken, vor allem auf sei 
ten des Objekts der „Entwicklungshilfe“ auf 
(ich verweise hier auf die tiefergehende Dar 
legung H. Eichbergs in der Z. f. Wirtschafts 
und Sozialwissenschaften, 93, 6, 1973, S. 641 
bis 670: „Entwicklungshilfe“ Verhaltensum 
formung nach europäischem Modell?). 
Im kurzgefaßten ausklingenden Teil des 
Buches kommt der Aufruf zur Gestaltung 
des Morgen: „zur Bewältigung dieser gewal 
tigen Aufgabe brauchen wir die Hilfe aller 
gutwilligen Menschen, auch der Neger. Sie 
kommen nicht mit leeren Händen“ (Hervor 
hebungen WEB). Der Rezensent liest das 
„auch“ dieses Satzes als „selbst“ und ist ver 
stimmt und im übrigen meint er, sie trügen 
mehr in ihren Händen als die ihnen zuge 
standene „Vitalität“, die neben östlicher „Spi 
ritualität“ und westlicher „Rationalität“ die 
neue Welt mitbauen soll. 
Philosophisch orientiert sich Jenny an 
Toynbee und Gebser — aber seine Spekula 
tionen wirken konservativer als die der Ge 
nannten. 
Der Verfasser verwahrt sich gegen den 
Vorwurf des Rassismus; er soll ihm auch 
nicht gemacht werden, wohl aber der Vor 
wurf des Europazentrismus; das Europazen 
trische artikuliert sich bei ihm oft gerade im
	        
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