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Buchbesprechungen und Bibliographien
Nachdem Max Uhle bereits im Jahre 1896 auf dem Totenfeld von Ancon in der Nachfolge
von Reiss und Stübel mit seinen Grabungen begonnen hatte und anschließend die Tempel
anlage von Pachacamac untersuchte, förderte er hier unter anderem umfangreiche Textilien
zutage, die bald Ausgangspunkt für die Typisierung wurden. Nicht nur in der Reliefgestaltung
und Keramikmalerei, sondern vor allem auch in der Gewebemusterung Altperus bildete sich
eine eigene Sprache heraus. „Die in die Stoffe eingewebten oder auf die Gewebe gestickten und
gemalten Bilder und Zeichen, die Zusammenstellung der Farben und die Art der Komposition
waren für den altperuanischen Indianer Hymnen und Gebete, Danksagungen und Klage
geschrei, Ausdruck der Ideen, die Priester und Herrscher im Volk zu wecken und wachzuhal
ten verstanden. So offenbart sich uns die Textilkunst der indianischen Völker — bei aller Vor
sicht, die wir bei der Ausdeutung ihrer Muster walten lassen müssen — als Spiegel ihres Glau
bens und ihrer Vorstellungskraft“ (S. 10).
Dem Amerikaner Junius Bird verdanken wir einiges Wissen um die Anfänge der peruani
schen Textilkunst. Das Alter, Niveau der Darstellung, Deutlichkeit und Konstanz der Muster
und Stile sind bemerkenswert. Doppelköpfige Schlangen, Greifvögel, Krabben und andere
Meerestiere, die Darstellung des Tiers im Tier als Symbol der Fruchtbarkeit zeigen in ihren
Gestaltungen ein Abrücken vom natürlichen Vorbild und führen zu einem hohen Grad an
Stilisierung. Erwähnt werden muß, daß die Zahl der aus dem vorspanischen Peru erhalten ge
bliebenen Textilien größer ist als die der antiken Gewebe der übrigen Welt.
Wie andere künstlerische oder kunsthandwerkliche Schöpfungen, so kann auch die Textil
kunst nicht aus dem gesamten kulturellen Rahmen herausgelöst und isoliert betrachtet wer
den, vielmehr ist sie immer fest verbunden gewesen mit den jeweiligen religiösen und magi
schen Vorstellungen.
Realistische und abstrahierte Formen in zahlreichen Variationen sind für bestimmte Kultur
phasen bzw. -Horizonte typisch, die Anton sehr anschaulich durch die Jahrtausende charakte
risiert. Kurz vor der spanischen Eroberung kommt es im Späten Horizont zu einer Umfor
mung des stilisierten Figurendekors zu einer rein geometrischen Gestaltungsweise, die sich
aber in ganz Peru noch nicht hatte durchsetzen können, so daß sich „an der peruanischen
Küste neben dem charakteristischen geometrischen Inka-Stil weiterhin figürliche Textilmotive
der uralten Traditionen“ (S. 20) fanden.
Der vorliegende Band enthält eine Fülle von Gewebeaufnahmen mit ausführlicher Datie
rung und Textierung; die einzelnen Kapitel befassen sich mit den wichtigsten peruanischen
Kulturen und ihren textilen Ausprägungen, von den ältesten Baumwollgeweben der Chavin-
Kultur zu den deckenden Stilstichstickereien, der Bortenstickerei, der beginnenden Gobelin
technik des Paracas- und Nazca-Stils, über die Gobelin-Gewebe der Tiahuanaco-Kultur, wel
che selbst die Gobelins der Brüsseler Manufakturen des 18. Jahrhunderts durch Schönheit der
Farbkompositionen und Kühnheit der Bildgestaltung übertreffen bis hin zu lokalen Variatio
nen der Küste. Chancay-, Chincha- und Ica-Textilien finden ebenso ihre Darstellung wie
Chimu- und Inka-Stil, „der sich am reinsten und eindringlichsten ... in der Textilkunst
äußert“ (S. 185).
Im Anhang finden sich neben den Anmerkungen und Bilderläuterungen eine Darstellung
der geläufigsten Webtechniken und der wesentlichen Stufen in der peruanischen Textilent
wicklung sowie der Fundplätze und Fundregionen. Literaturhinweise, Übersichtskarte der
Fundstätten und Register beschließen den repräsentativen Band. Günther Hartmann