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fullscreen: Der Eigene, 11.1926

*WOLF BERGEN 
schönsten war es, nachher im warmen Sande zu liegen und sich 
von Sonne und Wind trocknen zu lassen. So vergaß er der Zeit, 
die Stunden gingen spurlos vorüber und die Sonne gab ihm das 
erregende Gefühl des unendlichen Lebens. Meist hatte er ein 
Buch bei sich von seinen Lieblingsdichtern. Diesesmal waren es 
Heines Nordseebilder, sonst aber oft seine geliebten nordischen 
Dichter: Bang, Jakobsen und Hamsum. In diesen Ferienwochen 
lernte Wolf Bergen das Meer lieben. Er verwuchs irgendwie 
mit ihm, erkannte, daß er zu ihm gehöre. Kein Naturelement 
hatte einen so starken Eindruck bei ihm hinterlassen, als das 
immer wechselvolle ewige Meer. Bei Sturm konnte er stunden­ 
lang am Strande entlangwandern, ging ein Regen nieder, suchte 
er in einer verlassenen Fischerhütte Schutz. War das Wetter 
schön und die See ruhig, lag er im Sande und schaute dem 
Lichterspiel auf den vor ihm sich entfalteten unendlichen Fernen zu. 
Wenn Wolf später an „Heimat“ dachte, lag im Hintergründe 
dieses Bildes immer irgendwo das Meer und lockte ihn mit 
seinem geheimnisvollen Rauschen. Die alten Wälder freilich 
gehörten auch zur Heimat, aber beide, Wald und Meer, schufen 
erst seine Atmosphäre. Denn auch sie gehörten zueinander und 
ergänzten sich. Der Wald wurde für Wolf Symbol der bunten 
Mannigfaltigkeit des Lebens, des Diesseits; das Meer — der 
Unendlichkeit und Ewigkeit des Jenseits. Diese Doppelseitig- 
keit alles Lebens schuf sein Weltbild. Aber aller Gegensatz und 
alle Zwiespältigkeit löste sich in Glück, Ruhe und Einheit dort, 
wo die Urquellen seines Lebens entströmt waren — in der 
Heimat, in der Meere und alte Wälder sein junges Leben um­ 
rauscht hatten.Aus klang. 
Wolf hatte an Dietz einen Brief geschrieben, darin hieß es: 
Klar und still ist die Luft. Die Sonne wird schwer und feierlich 
und die vielen Farben ihres hellen Lichtes sind ein Fest des 
Sterbens: das Violett der Heide träumt von verklungenem Früh­ 
ling, die Herbstzeitlose schenkt noch einmal ihr keusches Blühen 
und aus dem Schwarz des Kiefernwaldes leuchtet weit das Brokat 
der Buchen. Abends brauen Nebel auf den Wiesen und der Mond geht 
groß und schwer am Horizont empor. Der Brunstschrei des 
Hirsches zerschneidet die Stille des Waldes. Irgendwo klagt 
aus dem Dickicht ein Kauz. 
Klar und still ist die Luft. — Du glaubst den Sommer noch 
in den Händen zu halten und atmest doch schon die Kälte des 
Herbstes. Eine stille süße Melancholie, eine friedvolle Schwer­ 
mut umgibt deine Sinne, die alles Begehren löst, dich selbst 
erlöst aus des Lebens Zwiespalt, das Eckige und Schwere der 
Wirklichkeit in Rauch und Traum aufgehen läßt. 345
	        
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