*WOLF BERGEN
schönsten war es, nachher im warmen Sande zu liegen und sich
von Sonne und Wind trocknen zu lassen. So vergaß er der Zeit,
die Stunden gingen spurlos vorüber und die Sonne gab ihm das
erregende Gefühl des unendlichen Lebens. Meist hatte er ein
Buch bei sich von seinen Lieblingsdichtern. Diesesmal waren es
Heines Nordseebilder, sonst aber oft seine geliebten nordischen
Dichter: Bang, Jakobsen und Hamsum. In diesen Ferienwochen
lernte Wolf Bergen das Meer lieben. Er verwuchs irgendwie
mit ihm, erkannte, daß er zu ihm gehöre. Kein Naturelement
hatte einen so starken Eindruck bei ihm hinterlassen, als das
immer wechselvolle ewige Meer. Bei Sturm konnte er stunden
lang am Strande entlangwandern, ging ein Regen nieder, suchte
er in einer verlassenen Fischerhütte Schutz. War das Wetter
schön und die See ruhig, lag er im Sande und schaute dem
Lichterspiel auf den vor ihm sich entfalteten unendlichen Fernen zu.
Wenn Wolf später an „Heimat“ dachte, lag im Hintergründe
dieses Bildes immer irgendwo das Meer und lockte ihn mit
seinem geheimnisvollen Rauschen. Die alten Wälder freilich
gehörten auch zur Heimat, aber beide, Wald und Meer, schufen
erst seine Atmosphäre. Denn auch sie gehörten zueinander und
ergänzten sich. Der Wald wurde für Wolf Symbol der bunten
Mannigfaltigkeit des Lebens, des Diesseits; das Meer — der
Unendlichkeit und Ewigkeit des Jenseits. Diese Doppelseitig-
keit alles Lebens schuf sein Weltbild. Aber aller Gegensatz und
alle Zwiespältigkeit löste sich in Glück, Ruhe und Einheit dort,
wo die Urquellen seines Lebens entströmt waren — in der
Heimat, in der Meere und alte Wälder sein junges Leben um
rauscht hatten.Aus klang.
Wolf hatte an Dietz einen Brief geschrieben, darin hieß es:
Klar und still ist die Luft. Die Sonne wird schwer und feierlich
und die vielen Farben ihres hellen Lichtes sind ein Fest des
Sterbens: das Violett der Heide träumt von verklungenem Früh
ling, die Herbstzeitlose schenkt noch einmal ihr keusches Blühen
und aus dem Schwarz des Kiefernwaldes leuchtet weit das Brokat
der Buchen. Abends brauen Nebel auf den Wiesen und der Mond geht
groß und schwer am Horizont empor. Der Brunstschrei des
Hirsches zerschneidet die Stille des Waldes. Irgendwo klagt
aus dem Dickicht ein Kauz.
Klar und still ist die Luft. — Du glaubst den Sommer noch
in den Händen zu halten und atmest doch schon die Kälte des
Herbstes. Eine stille süße Melancholie, eine friedvolle Schwer
mut umgibt deine Sinne, die alles Begehren löst, dich selbst
erlöst aus des Lebens Zwiespalt, das Eckige und Schwere der
Wirklichkeit in Rauch und Traum aufgehen läßt. 345