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Full Text: Tribus, 44.1995,N.F.

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JÜRGEN W. FREMBGEN 
Schiitische Standartenaufsätze 
Anhänger des schulischen Islam tragen vor allem an ‘äshürä, dem 10. Tag des Trau 
ermonats Muharram, in Prozessionen Standarten (‘alain) von verschiedener Form 
und Gestalt. Dieses seit den Safawiden (1501-1732) intensiv gepflegte religiöse 
Brauchtum geht auf das für die Schiiten so bedeutsame historische Ereignis der 
Schlacht von Karbala (680 n. Chr.) zurück, bei dem der Prophetenenkel Husain mit 
seinen Begleitern auf grausame Weise von den Regierungstruppen Yazids getötet 
wurde. Die ‘alam repräsentieren die damals verwendeten Feldzeichen und Banner 
und gehören daher zu den wichtigsten Symbolen schiitischer Volksfrömmigkeit. Sie 
sind Husain - dem dritten Imam der Schia - sowie den anderen schiitischen Imamen 
geweiht. Handförmige ‘a/am-Aufsätze sollen zumeist an ‘Abbas ‘Ali, den Standar 
tenträger (‘alamdär) Husains, erinnern. 
Ein berühmtes Symbol der Trauer um Husain wird im nordindischen Lucknow in der 
Dargah-e Hazrat-e ‘Abbas aufbewahrt; es handelt sich um ein Feldzeichen (rotes 
Banner mit Darstellung von ‘Alis zweispitzigem Säbel dhü’l-fiqär 1 ), das ‘Abbas 
selbst zugeschrieben wird. Wie Mrs. Meer Hassan Ali berichtet, fand seinerzeit ein 
indischer Mekka-Pilger diese Reliquie in Karbala und brachte sie dem Nawab Asaf 
ud-Daula (gest. 1775) nach Lucknow als Geschenk mit 2 . Während der dortigen 
Muharram-Feierlichkeiten tragen bis heute Gläubige am 5. Tag des Trauermonats 
Prozessionsstandarten zu dem betreffenden Schrein und berühren damit den ‘alam 
des ‘Abbas. Sie übertragen dadurch den Segen dieses heiligen Gegenstandes und ver 
gegenwärtigen sich die Tragödie von Karbala. Die gleiche Bedeutung hat das oft in 
schiitischen Versammlungshäusern (Imdmbdro) zu beobachtende, mit persönlichen 
Bittgebeten verbundene innige Berühren und Küssen der ‘alam. 
Standarten, die oft paarweise getragen werden, sind in West- und Südasien im Rah 
men der städtischen Muharram-Umzüge einzelnen Wohnvierteln, Moscheen und 
Handwerkskorporationen zugeordnet, die jeweils einen eigenen, in Iran dasteh 
(»Gruppe«) genannten Prozessionszug bilden 3 . Aus Teheran berichtet M.G. van 
Vloten: »Les quartiers forment des bandes {dasteh), de vingt jusqua’ä plus de cent 
personnes, qui se rangent sous leur drapeau {‘alam) respectif« (1892: 110). Solche 
Prozessionszüge einzelner Wohnquartiere stehen hinsichtlich der Größe und Aus 
schmückung ihrer Standarten untereinander in Wettbewerb. Wie mir in Peshawar 
(North-West Frontier Province/Pakistan) berichtet wurde, werden die ‘alam von ein 
zelnen Gläubigen für den Imdmbdra ihres Viertels gestiftet. Dies geschieht in Ver 
bindung mit einem Gelübde als Dank für erhörte Gebete, etwa wenn einer Familie 
nach mehreren Töchtern endlich ein Sohn geboren wird. Mitglieder iranischer Hand 
werkergilden besitzen nach der Herstellungstechnik als shahakeh-ye eslimi bezeich- 
nete Embleme in Stahldurchbrucharbeit, die auf Stangen aufgesetzt im Muharram 
getragen werden. 4 M.G. van Vloten hat so z. B. die Standartenaufsätze der Tehera- 
ner Fayencehersteller und Ziegelbrenner abgebildet 5 . Zur Aufbewahrung der ‘alam 
dienen vor allem die Imdmbdra sowie andere öffentliche Gebäude und Privathäuser. 
In Indien werden sie in den ersten zehn Tagen des Muharram in sog. Ashürkhdnd 
(wörtl. »Zehn-Tage-Haus«) aufgestellt; so gibt es u.a. in Hyderabad ein eigenes 
Badshdhi ‘Ashürkhdnd, in dem kostbar verzierte Standarten aus königlichem Besitz 
aufbewahrt werden 6 . 
J. Calmard und J. W. Allan haben islamische Standarten und Banner in einem Eintrag 
der Encyclopaedia Iranica (1985) in ihren historischen Zusammenhängen näher vor 
gestellt 7 ; darüber hinaus finden sich in der Literatur lediglich Kurzangaben und 
Abbildungen einiger ausgewählter Einzelstücke. Als ergänzende und das Thema kei 
neswegs erschöpfende Behandlung sollen hier noch einige bisher unpublizierte schi 
itische Standartenaufsätze aus späterer Zeit vorgestellt und Aspekte ihrer Verwen-
	        
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