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Full Text: Tribus, 44.1995,N.F.

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Buchbesprechungen Allgemein 
Das freilich ist eine Theorie, die historisch nicht zu ver 
allgemeinern ist, denkt man z. B. an die präkapitalistische 
fast bruchlose bäuerliche Arbeitsgerätekultur oder an die 
der Handwerker bis zum Zeitpunkt der Gewerbefreiheit. 
Die Bevorzugung US-Amerikas in neuer und neuester 
Zeit hat solche Fragen so gut wie ausgeschlossen. Die 
Einbeziehung Europas in den ganzen Problemkreis, den 
P. darlegt, müßte dann freilich eine erweiterte theoreti 
sche Basis haben, wenngleich das amerikanische Beispiel 
brauchbare und wesentliche Einblicke in eine ausschließ 
lich von kapitalistischen Prämissen bestimmte Erfor 
schung materieller Kultur vermittelt. 
Wolfgang Jacobeit 
Raabe, Eva Ch. (Hrsg.): 
Mythos Maske - Ideen, Menschen, Weltbil 
der. Roter Faden zur Ausstellung, Bd. 19. 
Frankfurt/M.; Museum für Völkerkunde, 
1992. 293 Seiten mit Fotos 
Eva Ch. Raabe, Kustodin der Ozeanien-Abteilung des 
Museums für Völkerkunde Frankfurt am Main, veröf 
fentlicht im vorliegenden Band einen gelungenen 
Überblick über die komplexe Welt der Maske. Masken 
finden wir rund um den Erdball in vielfältigen Erschei 
nungsformen. Sie zeugen von den frühesten Kulturäuße 
rungen der Menschheit, wie zahlreiche archäologische 
Funde belegen. 
Betrachten wir die Maske in ihrem Verwendungszusam 
menhang, so stoßen wir auf derart unterschiedliche 
Zweckbestimmungen, daß uns die Einordnung fast 
unmöglich wird. 
Masken in ihrer nicht überschaubaren Funktionsfülle 
»sollen abschrecken, beschützen, helfen, Recht sprechen, 
Krankheiten heilen, geistige Kräfte von Toten bewahren, 
Fruchtbarkeit garantieren, Initiationen vollziehen, magi 
sche Beeinflussung von Naturkräften ermöglichen 
u.a. m.« (Ebeling, 1987). Daher ist es völlig unmöglich, 
etwa eine Theorie der Maske zu begründen. So gesehen, 
muß anerkennend gesagt werden, daß Eva Ch. Raabe und 
den Co-Autoren ein akzeptables Werk gelungen ist. Und 
das nicht zuletzt deshalb, weil sie sich in akribischer 
Weise mit den Herstellern und Trägern von Masken, also 
mit den betroffenen Menschen auseinandersetzten. In 
jedem Aufsatz des Bandes wird deutlich, aus welchen 
Gründen von dieser oder jener Menschengruppe Masken 
gefertigt und getragen bzw. getanzt werden. 
Von besonderer Bedeutung erscheint es mir, daß in fast 
jedem Aufsatz zwei Themen behandelt werden, die man 
in diesem Zusammenhang nicht unbedingt erwartet; 1. 
die Krisenbewältigung mit Hilfe von Masken und 2. das 
Aufeinanderprallen von Menschen verschiedener Wirt 
schaftsformen, Kulturen, Sprachen usw., was in den mei 
sten Fällen bei Alteingesessenen zu Krisen führt. 
So werden in diesem Buch dankenswerter Weise nicht 
nur die üblichen Kultmasken indigener Völker beschrie 
ben und gedeutet, sondern auch die Arbeits- und Tanz 
masken der modernen Zivilisationsgesellschaft: Ärzte - 
Schweißer - Taucher, Fasching - Fastnacht - Karneval. 
Aber auch bei Naturvölkern erfuhren die Masken einen 
Wandel von der Verkörperung transzendenter Wesen zur 
Identitätsstiftung, z. B. bei den Irokesen. 
Gerade durch den modernen Bezug ist dieser Band für 
den Laien interessant und lesenswert. 
Weiterführende Literatur: 
Seiler-Baldinger, Annemarie: 
Wer immer sich mit fremden, gar unbekannten Textilien 
befaßt, kommt ohne zwei Standardwerke nicht aus: Irene 
Emery’s The Primary Structures of Fabrics (Washington 
1966, 2. Auflage 1980) und Annemarie Seiler-Baldingers 
Systematik der Textilen Techniken (Basel 1973, Neuauf 
lage 1991). Daß ein dringender Bedarf an solchen umfas 
senden, systematischen Abhandlungen über Textilien be 
steht, zeigt die im Vorwort des letztgenannten Werks 
erwähnte Tatsache, daß das Buch mehrmals nachgedruckt 
werden mußte, bevor sich die Autorin kürzlich zu einer 
völligen Überarbeitung entschloß. 
Die beiden Systematiken gehen, wie schon die Titel zei 
gen, von unterschiedlichen Ansatzpunkten aus: Emery 
nimmt die Struktur des fertigen Gewebes als Grundlage 
und erlaubt auf diese Weise eine Verständigung über 
jeden beliebigen, auch gänzlich unbekannten Stoff. Sei 
ler-Baldinger ihrerseits geht vom Prozeß der Entstehung 
des Gewebes aus; Bindungsformen und ihre Herstellung 
bilden die Grundlage, wobei die Systematik vom Einfa 
chen zum immer Komplexeren fortschreitet. Die Techni 
ken der Fadenbildung - als Grundlage für die Gewebe - 
und der Stoffverzierung und -Verarbeitung - sind in diese 
Systematik integriert, während sie bei Emery zwar 
behandelt werden, aber nicht wirklich Bestandteil ihrer 
Systematik sind. 
Seiler-Baldinger hat den eigentlich ethnologischen 
Ansatz, denn ihrer Arbeit liegt ursprünglich die Notwen 
digkeit zugrunde, die vielen, durch Feldforschungen 
bekannt gewordenen textilen Techniken in eine befriedi 
gende Ordnung zu bringen. Sie konnte dabei aul die von 
Alfred Bühler und Kristin Bühler-Oppenheim gelegten 
»Grundlagen zur Systematik der gesamten textilen Tech 
niken« (Die Textilsammlung Fritz Ikle-Huber, Zürich 
1948) aufbauen. 
Grundsätzlich hat sich an der Systematik der textilen 
Techniken in der Neuauflage nichts geändert: Sie beginnt 
wie in der ersten Auflage mit den Techniken der Faden 
bildung und führt dann weiter über Stoffbildung mit nur 
einem Faden (wie Verschlingen, Verknoten, Stricken, 
Häkeln) zur Stoffbildung mit Fadensystemen (wie Flech 
ten und Weben) und den Techniken der Stoffverzierung 
Ebeling, I.: 
1987 Masken und Maskierung. Kult, Kunst und Kos 
metik. Köln 
Levi-Strauss, C.: 
1977 Der Weg der Masken. Frankfurt am Main 
Lommel, A.: 
1981 Masken - Gesichter der Menschheit. Stuttgart 
Martin. H. E. R.: 
1984 Masken. München 
Willy Schroeter 
Systematik der Textilen Techniken. Basler 
Beiträge zur Ethnologie, Bd. 32. Basel; Wepf 
+ Co., 1991. 290 Seiten
	        
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