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Full Text: Tribus, 50.2001,N.F.

Buchbesprechungen Allgemein 
Der letzte Beitrag „Islamische Stimmen zur Zukunft“ von 
Christian W. Troll illustriert anhand des Darstellungsstils 
die Grundkonzepte des interreligiösen Dialoges. Der 
Autor lässt die Stimmen islamischer Theologien selbst 
sprechen, um so die Polyphonie der islamischen Zukunft 
herauszuhören. Dieser überzeugend dialogische Ansatz 
bietet einen interessanten Einblick in die Vielfalt islami 
scher Theologien und Zukunftsentwürfe. Er würde aller 
dings an analytischer Kraft gewinnen, wenn neben der re 
ligionsinternen Betrachtungsweise auch eine 
religionsexterne Einschätzung des Dargestellten folgen 
würde. 
Insgesamt erweist sich der Sammelband für einen am 
„Dialog der Religionen“ interessierten Leser als sehr 
empfehlenswert. Auch ein Leser, der sich offen den 
Fragen nach kultureller und religiöser Diversität, 
Religionswandel und Globalisierung stellt, wird hier an 
regende Denkanstöße finden. 
Lidia Guzy, Ethnologin und Religionswissenschaftlerin, 
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethno 
logie der Freien Universität Berlin, arbeitet derzeit an ih 
rer Dissertation zu einer asketischen Reformbewegung 
im indischen Bundesstaat Orissa. 
LIDIA GUZY 
MÜNZEL, MARK / SCHMIDT, BETTINA 
E. / THOTE, HEIKE (HRSG.): 
Zwischen Poesie und Wissenschaft - Essays in 
und neben der Ethnologie. Reihe Curupira, 
Band 9. Marburg: Förderverein „Völkerkunde 
in Marburg“ e.V, 2000. 359 Seiten, SW-Ab- 
bildungen. 
ISBN 3-8185-0290-0, ISSN 0945-8476 
Die Krise der Repräsentation suchte die Sozial- und 
Kulturwissenschaften schon vor einigen Jahrzehnten 
heim. Sie hat auch innerhalb der Ethnologie die Legi 
timität und die Angemessenheit ethnologischer Dar 
stellungen in Frage gestellt, hat die „Writing Culture“- 
Debatte und letztlich die interpretative bzw. literarische 
Wende innerhalb der ethnologischen Gelehrtenwelt her 
vorgebracht. Inzwischen werden Veranstaltungsreihen 
und Forschungsprojekte dazu hierzulande sogar von der 
Volkswagenstiftung gefördert: seit letztem Jahr liegt ein 
interessanter Sammelband des Fördervereins „Völker 
kunde in Marburg“ e.V. vor, herausgegeben von Mark 
Münzel, Bettina E. Schmidt und Heike Thote, in dem 
„Zwischen Poesie und Wissenschaft - Essays in und ne 
ben der Ethnologie“, so der Titel des Curupira-Bandes, 
enthalten sind. Die Essays beziehen in interdisziplinärer 
Weise Stellung zur „Ethnopoesie“ und verstehen sich als 
Annäherung an den Beschriebenen und Beschreibenden. 
Es sei ein „Drahtseilakt zwischen wissenschaftlichem und 
freiem Schreiben“ (S.7), so die Herausgeber, ein Experi 
ment, das sich zwischen Ethnologie und Poesie bewegt. 
Neben der Erweiterung der Ethnologie durch die Ethno- 
ästhetik - auch im Bemühen um eine „authentischere“ 
Repräsentation des Fremden - ist es ihnen ein Anliegen, 
den Graben zwischen den beiden Richtungen der ethnoli- 
terarischen Diskussion zu überbrücken: zwischen „ethno- 
poetics“ einerseits, der Wissenschaft indigener Poesie, 
und zwischen „ethnopoesie“ andererseits, der Poesie der 
Ethnologen. Es wird angestrebt, die Literatur der Frem 
den und der Ethnologen zusammenzubringen. Ent 
sprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse, nicht alle 
gleich erhellend oder fesselnd, aber alle auch deutlich 
vom persönlichen Schreibstil des Autors geprägt. 
So sollte man sich zunächst die analytischen Gedanken 
von Hans-Jürgen Heinrichs, dem Initiator des For 
schungsprojekts, zu Gemüte führen, da er Grundlegendes 
zu poetischem in Abgrenzung zu wissenschaftlichem 
Schreiben reflektiert. Heinrichs stellt in seinem Aufsatz 
„Ethnopoesie oder: Das .Unmögliche’ sagen“ (S.llf) ver 
schiedene Werke von Schriftstellern und akademischen 
Pionieren vor, die alle den fremdkulturellen Raum mit 
poetisch-literarischen Mitteln zu erschließen und zu ver 
mitteln suchten. Idealerweise verschwinden schließlich 
die Grenzen zwischen „Ethno“ und „Poesie“, werden 
neue Potentiale sichtbar, sowohl bezüglich der Form als 
auch des Gegenstandbereiches. 
In fast kriminalistischer Manier - er spricht von Indizien 
und mangelnden Beweisen - nähert sich Mark Münzel ei 
nem europäischen Reisenden der frühen Kolonialzeit: 
Hans Staden, der 1557 nach seiner Befreiung und 
Rückkehr nach Marburg erstmals einen Augenzeugen 
bericht über das indianische Volk der Tupinambä ablegte. 
Aber warum illustriert Staden zwar „Die Schönheit des 
Arara-Papageien im vollen Federschmuck“, so der Titel 
Münzeis Aufsatzes (S.33f), erwähnt ihn jedoch mit keiner 
Silbe in seinem Bericht - ebenso wenig wie die Liebschaft 
zur Häuptlingstochter? Unter Einbeziehung seiner eige 
nen Eindrücke in Südamerika und denen anderer 
Reisender - auch die Levi-Strauss’ (welcher durch das 
ganze Buch geistert) - und durch geschickte Mythen- und 
Geschichtsanalyse gelingt Münzel die Lösung des 
„Falles“, dessen Ergebnis hier aber nicht verraten wird. 
Auch Michael Kraus hat in seinem Aufsatz „Zwischen 
fröhlicher Teilnahme und melancholischer Beobachtung 
- Erwartungen und Enttäuschungen in wissenschaftlichen 
Reiseberichten aus dem östlichen Südamerika“ (S.63f) 
zwischen den Zeilen historischer Bücher gelesen und ei 
nen kurzweiligen Vergleich zwischen drei frühen wissen 
schaftlichen Reisenden verfasst. Anknüpfungspunkt ist 
für ihn die Langeweile und die Enttäuschung, die sich als 
Melancholie vor allem in den tagebuchartigen Reise 
berichten zeigt. Mit Hilfe einer pointierten Analyse ge 
lingt es Kraus zu zeigen, warum sich zum ersten Claude 
Levi-Strauss’ Klassiker „Traurige Tropen“ tatsächlich als 
eine einzige Kette von Enttäuschungen liest. Bei Theodor 
Koch-Grünberg hingegen findet Kraus eine humorvolle 
Verarbeitung von Enttäuschung und eine einfühlsame 
Begegnung mit den Fremden, die sich schließlich auch in 
verwertbaren ethnografischen Details niederschlägt. Max 
Schmidt, Jurist mit einer großen Portion Abenteuerlust, 
scheiterte zwar in seinen Reiseplänen, gewinnt aber nach 
Kraus Erkenntnisse durch die Reflexion seiner enttäu 
schenden Erlebnisse. Am Ende fragt Kraus seine Leser, 
warum gerade Levi-Strauss’ pessimistischer Blick auf die 
menschliche Realität zu einem Meilenstein der litera 
risch-wissenschaftlichen Produktion der Ethnologie wer 
den konnte. 
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