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Full Text: Tribus, 50.2001,N.F.

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TRIBUS 50,2001 
werden einzelne Indianergruppierungen, die in den Be 
richten angesprochen werden, kurz beschrieben (grau un 
terlegt). Alle Ausführungen sind mit zeitgenössischem 
Bildmaterial ausgestattet. 
Wie ist nun die Auswahl der Chronisten, die ihre eigenen 
Erlebnisse bei und mit Indianern schriftlich niederlegten, 
zu bewerten? Aus der erwähnten Einleitung geht bereits 
hervor, dass Augustin, wie nicht anders zu erwarten, als 
Freund der Indianer bezeichnet werden kann. Dennoch 
hat er es vermieden, nur solche Reiseberichte und Doku 
mentationen heranzuziehen deren Verfasser von humani 
stischem und ethischem Gedankengut geprägt waren. Es 
ist klar, dass solche Europäer, die von Indianern in ihre 
Gruppe aufgenommen worden waren und Jahre- bis jahr 
zehntelang mit ihren Gastgebern und Freunden zusam 
menlebten, selbst zu (weißen) Indianern geworden wa 
ren, ein völlig anderes Bild der indigenen Gesellschaften 
zeichneten als diejenigen, die nur kurzfristig mit (zudem 
meist feindlich gesinnten) Indianern zusammentrafen. 
Entsprechend Furcht und Abscheu einflößend sind die 
Reportagen solcher Informanten. Jede Medaille hat zwei 
Seiten, und es darf bei aller Vorliebe und allem Verständ 
nis für die Ersten Amerikaner nicht übersehen werden, 
dass sie in der Regel Sitten und Gebräuche hatten, die 
denjenigen der Europäer diametral entgegenstanden. 
Vollkommen unbestritten ist die Tatsache, dass alle Euro 
päer im kolonialen Amerika im grund Invasoren waren. 
Bei jeder Beurteilung historischer Ereignisse muss jedoch 
auch der Zeitgeist einer Epoche berücksichtigt werden. 
Aus heutiger Sichte zu urteilen, wird der „Wahrheit“ 
nicht gerecht. Dies sieht Augustin gewiss ebenso, denn er 
hat eine ausgewogene und gute Auswahl an Berichten 
über die Urbevölkerung der USA und das einstige Leben 
mit und unter ihr getroffen. 
1 Angeführte Quelle: NN: Abentheuerliche Ereignisse aus 
dem Leben der ersten Ansiedler an den Grenzen der 
Mittleren und Westlichen Staaten. Übersetzt von Ben 
jamin S. Schneck. Chambersburg, Pa. Gedruckt und ver 
legt von Heinrich Ruby, 1839. 
AXEL SCHULZE-THULIN 
KÖHLER, ULRICH; 
Der Chamula-Aufstand in Chiapas, Mexiko: 
aus der Sicht heutiger Indianer und Ladinos 
(Ethnologische Studien, Bd. 18). Zusammen 
fassung in Tzeltal, Spanisch und Englisch. 
Münster: Lit, 1999. 529 Seiten, 8 Tafeln, 24 
Abbildungen und 6 Karten. 
ISBN 3-8258-2646-5. 
Der Auftakt des Geschehens beginnt Ende des Jahres 
1867 bzw. Anfang des Jahres 1868 in dem nördlich von 
Chamula gelegenen Ort Tzajahemel. In diesem Tzotzil- 
Maya-Dorf entsteht ein Kult um einen „santo“ bzw. um 
mehrere Götter und mit diesen ein neuer Markt. Trotz 
der Versuche der dort ansässigen Geistlichen und der me 
xikanischen Behörden, dem Kult u.a. durch Verhaftungen 
Einhalt zu gebieten, bleibt die Verehrung der „santos“ so 
wie der anführenden Personen bestehen. Aufgrund wei 
terer Repressionen und Schikanen entwickelt sich aus der 
anfänglich religiösen Bewegung ein gewalttätiger Aus 
bruch, der sich in der Ermordung von Geistlichen und 
Großgrundbesitzern äußert und schließlich in Konflikte 
mit dem Militär mündet. Nach einigen Kämpfen mit den 
mexikanischen Streitkräften bei der Stadt San Christobal 
fliehen die Aufständischen in die anderen Tzotzil-Ge- 
meinden San Andrés Larráinzar und San Pablo 
Chalchihuitän, wo sie den Kult weiterhin pflegen. Nach 
einer ein Jahr lang andauernden Verfolgung und einigen 
Schlachten endet der Aufstand mit der Besiegung der 
Kultanhänger im Juli bzw. Oktober des Jahres 1870. 
Dieser Aufstand, der in der Literatur auch als „guerra de 
castas“ oder „War of St. Rose“ bekannt ist, wurde von 
Köhler mit dem bereits verwendeten neutralen Begriff 
„Der Chamula-Aufstand“ versehen, wobei es wünschens 
wert gewesen wäre, im Titel die zeitliche Einordnung an 
zugeben. Der Untertitel des Buches ist irreführend, da 
keineswegs eine kritische Sichtweise und Untersuchung 
des Aufstandes durch heutige Tzotzil-Maya und Ladinos 
gemeint ist, wie aus dem Titel gefolgert werden könnte, 
sondern eine Darstellung und Auswertung von Köhler 
u.a. mithilfe mündlicher Überlieferung. 
Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert. Nach einer kur 
zen Einleitung über die Zielsetzung des Themas, die eine 
Rekonstruktion des Geschehens beabsichtigt, wird im 
zweiten Kapitel der Aufstand nach schriftlichen und bild 
lichen Quellen - vor allem zeitgenössische wie lokale 
Wochenzeitungen, Chroniken oder Lithographien- kri 
tisch vorgestellt, dem ein Abriss des Verlaufs des Auf 
standes folgt. Dabei werden auch bisherige Inter 
pretationen und neuere Deutungsansätze kurz analysiert. 
Das folgende Kapitel fasst knapp die bereits publizierten 
mündlichen Überlieferungen zusammen, an das sich 
zweiundzwanzig Berichte von Tzotzil-Maya sowie zwei 
weitere von Ladinos anschließen, die Köhler während sei 
ner Feldforschungsaufenthalte ab 1970 zusammengetra 
gen hat. Diese mündlichen Erzählungen sind in geogra 
phischer und chronologischer Reihenfolge geordnet und 
in ihrer Originalsprache, also Tzotzil und Spanisch, abge 
druckt, wobei sie mit einer Kurzbiographie des Sprechers, 
den Umständen der Aufzeichnung sowie mit einem aus 
führlichen Kommentar versehen sind. Wegen der zahlrei 
chen Fußnoten und der Absicht, die indigene Sprach- 
eigenheit beibehalten zu wollen, ist die Übersetzung vom 
Tzotzil ins Deutsche teilweise holprig und mühsam zu le 
sen. Für die spanischen Erzählungen wurde dieser An 
spruch nicht gestellt, so dass der Text flüssig zu lesen und 
auch inhaltlich gut nachvollziehbar ist. 
Akribisch und kritisch wertet Köhler in sechsundzwanzig 
Unterkapiteln überwiegend die chronologische Abfolge 
mithilfe der verschiedenen Versionen der mündlichen, 
schriftlichen sowie bildlichen Darstellungen des Ge 
schehens aus. So kann er einige Orte, an denen die 
Ereignisse stattfanden, näher lokalisieren und Be 
hauptungen, wie zum Beispiel die Kreuzigung eines 
Jungen, widerlegen. Die Auswertung bezüglich der ver 
schiedenen „santos“ bzw. Götter ergibt, dass sie nach 
Entstehung des Kultes von historischen Persönlichkeiten 
repräsentiert wurden und in der Schlussphase Zunahmen.
	        
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