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Inhalt / Download : Mitteilungen aus dem Verein der Sammlung für Deutsche Volkskunde zu Berlin, 4.1912/15

Wie das einfache, einteilige Kerbholz, so ist auch das zusammen­ 
gesetzte, besonders das zweiteilige noch recht häufig. Das Museum besitzt 
diese Gattung aus Ostpreussen, Yorpommern, Berlin, Thüringen, Bayern, 
Österreich und England. Abh. 4 gibt eine Übersicht der verschiedenen 
vorkommenden Formen. 
Das doppelteilige Kerbholz erst ist recht geeignet eine Sicherheit 
gegen Betrag zu geben, da beide meist durch Falze miteinander ver­ 
bundenen Teile genau zusammenpassen müssen, wenn Eintragung und Ab­ 
rechnung erfolgt, und weil jeder der beiden Geschäftsbeteiligten die eine 
Hälfte des Kerbholzes an sich nehmen und aufbewahren kann. Bei den 
einteiligen Kerbstöcken fehlt es an dieser Sicherheit, wenn auch durch 
gewisse Yorkehrungen eine für ehrliche Menschen genügende Sicherung 
gegen Irrtum geschaffen wurde. Zu diesen Yorbeugungsmassregeln sind 
zu rechnen die Aufbewahrung des Kerbholzes durch diejenige Partei, 
welche kein Interesse an der Yermehrung der Kerben hat, oder Be­ 
zeichnung des unteren Endes mittels eingebrannter Buchstaben, wie es 
bei dem bayerischen Bräuerkerbholz vorkommt. 
Man kann wohl annehmen, dass das zweiteilige Kerbholz eine spätere 
Vervollkommnung des ursprünglichen einteiligen Kerbstockes war. Das 
älteste zweiteilige Kerbholz erwähnt K. Andree1) in einer Besprechung 
der Kerbhölzer des städtischen Museums in Braunschweig. Es ist vom 
Jahre 1582 datiert. Das ebendort abgebildete Kerbholz vom Jahre 1613 
ist zweiteilig, und Andree bemerkt, dass die im Museum aufbewahrten 
Braunschweiger Kerbhölzer in Form und Art des Gebrauches kaum von­ 
einander abweichen. 
Als Kamen der Bestandteile des zweiteiligen Kerbholzes finden sich 
in einer Ulmer Gerichtsordnung vom Jahre 1621 ‘Stock’ für den dem 
Gläubiger gehörigen Teil und ‘Einsatz’ für den ändern, welchen der 
Schuldner an sich nimmt (Grimm, D. Wb. 5, 193). Besondere Bezeichnungen 
für Teile des zwei- oder mehrfachen Kerbholzes sind noch aus Wien 
bekannt2), wo der eine Teil ‘Manndl’, der andere ‘Weibl’ heisst, ferner 
aus Bosnien, wo die Serben das Hauptstück, das der Gläubiger behält, 
‘Gluckhenne’ (kvotzka), die andere Hälfte ‘Küchlein’ (pile) nennen3). 
Die in Abb. 4 dargestellten zweiteiligen Kerbhölzer sind folgende: 
a) Hufschmiede-Kerbholz von Kleinsorheim im Ries, Bayern. 
L. Mussgnug, Nördlingen, schildert a.a.O. ihren Gebrauch so: „Das 
Rieser Schmied- oder B’schlagholz (durchschnittlich 5 : 50 cvi) ist doppelt, 
d. h. es besteht aus zwei gleich grossen und gleich geformten Latten mit 
je einem Stollen, in dessen Ausschnitt der Zapfen am Ende des ändern 
Stückes so genau passt, dass sie eng und unverrückbar aneinander gefügt 
1) Braunschweiger Volkskunde (1896) S. 183. 
2) Zeitschr. f. österr. Volkskunde 1, 54. 
3) Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl. unter ‘Kerbholz’.
	        
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