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Full Text: Tribus, 61.2012

ai* 
verorten. Howard Morphy entwickelt 
in seinem Beitrag die Grundzüge einer 
interkulturellen Kunstgeschichte, die 
geeignet sein könnte, die Ausschließ 
lichkeit des europäischen Kunstver 
ständnisses zu überwinden. Sie könnte 
darüber hinaus zu einer synergetischen 
Beziehung zwischen den sich auf Au 
genhöhe begegnenden Kunstdiskursen 
unterschiedlicher Kulturen und Gesell 
schaften hinführen. Indem er die jeweils 
maßgeblichen und voneinander diver 
gierenden Ansichten zur Kunst bei den 
Kunwinjku und den ihnen benachbarten 
Yolngu vergleicht und in Beziehung zu 
den Diskussionen in Europa und Aus 
tralien setzt, zeigt er auf, wie sich un 
terschiedliche Referenzsysteme gegen 
seitig beeinflussen und Veränderungen 
in der Wahrnehmung von Kunstwerken 
bewirken können. Anders als Morphy 
verlassen die Kunsthistoriker Claus Vol- 
kenandt, Kitty Zijlmans und Anne-Marie 
Bonnet nicht den Boden der europäi 
schen Kunstgeschichte, wenn sie diverse 
Möglichkeiten erörtern, wie sich diese 
für die Andersheit zum Beispiel der aus 
tralischen Rindenmalerei öffnen könnte 
und sollte. Dieses Verharren ist sicher 
lich nicht zuletzt einer mangelnden Ver 
trautheit mit dem australischen Kontext 
geschuldet, worauf die Autoren in ihren 
Essays zum Teil auch explizit hinweisen. 
Gegenstand des dritten Teils ist das Zu 
sammenspiel von lokalen und globalen 
Kontexten sowie die damit einhergehen 
den Veränderungen in der Wahrnehmung 
von Kunstwerken: Genannt seien zum 
Beispiel der Wechsel von Objekten in 
die globalen Zusammenhänge des inter 
nationalen Kunst- und Museumsbetrie 
bes oder auch die Beeinflussung lokaler 
Kunstproduktionen durch globalisierte 
Medienwelten. Im einleitenden Kapitel 
befassen sich Christian Kaufmann und 
Richard McMillan mit dem Sammler Ka- 
rel Kupka und seiner Rolle für die Rezep 
tion nordaustralischer Rindenmalerei 
insbesondere in Sydney, Paris und Basel. 
Jean-Hubert Martin geht vornehmlich 
auf die Rolle der indigenen Kunst Aust 
raliens für die politischen Bewegungen 
der Aborigines ein, während Til Förster 
das Zusammenfließen von lokalen und 
globalen Sphären im Kontext des zeit 
genössischen afrikanischen Kunstschaf 
fens thematisiert und damit nicht nur 
den regionalen Horizont dieses Bandes 
erweitert. Mit einer Betrachtung über 
die Basler Ausstellung und die künstleri 
schen Reaktionen John Mawurndjuls auf 
seine wachsende internationale Beach 
tung tritt im Beitrag von Sally Butler der 
Künstler selbst wieder ins Zentrum. 
Die Autoren des letzten Abschnitts (Ma 
rianne Eigenheer, Bernhard Lüthi, John 
Onians und Paul S. C. Ta?on) befassen 
sich schließlich mit den Veränderungen 
für Ausstellungen und Museen, die eine 
neue Sicht auf die Kunst der Aborigines 
möglicherweise mit sich bringt. Solche 
Wandlungen könnten in einer anderen 
Wahrnehmung der Kunst durch Besucher 
und Kuratoren bestehen, sie könnten 
sich aber auch in neuen Formen der Prä 
sentation von Kunst oder in völlig neu 
gedachten Institutionen, die die Grenzen 
des Museums als Ort des Betrachtens 
von Kunst überwinden, manifestieren. 
Ein Verdienst des Bandes ist sicherlich 
die Zusammenstellung australischer 
und europäischer Autoren und damit 
der zum Teil sehr unterschiedlichen 
Sichtweisen auf das Grundthema des 
Symposiums. In Australien ist es heute 
selbstverständlich, die Kunst der Abo 
rigines und der Torres Strait Isländer in 
den Galerien und großen Kunstmuseen 
als eigenständigen Aspekt der Kunstge 
schichte neben australischer, das heißt 
der von nicht-indigenen Australiern ge 
schaffenen Kunst, und internationaler 
Kunst zu zeigen, ln Europa ist die Prä 
sentation von traditionell geprägten 
Werken indigener außereuropäischer 
Künstler in den Museen für zeitgenössi 
sche Kunst nach wie vor sehr ungewöhn 
lich und stellt eine Herausforderung für 
Kuratoren und Besucher dar. Der Diskurs 
um die Zugänglichkeit und die Vermitt 
lung außereuropäischer Kunst wird ge 
genwärtig in vielen theoretischen, kul 
turellen und institutionellen Kontexten 
geführt. Vor dem Hintergrund des hier 
herausgestellten Einzelfalls des Kunst-
	        
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