Ethnographische Schilderung der Wogulen .
Ethnographische Schilderung der Wogulen .
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Dörfer ; Sommer - und Winterjurten . — Hausgeräthe . — Trach rakter der Wogulen . — Sie sind nur äußerlich Christen . — I'
Wenige Menschenwohnungen dürften ihrem Aenßern nach so anspruchslos sein , als es die Dörfer oder Paule der Wogulen sind . Sie sind stets auf einer hohen Stelle an einem Flusse oder der Vereinigung zweier Flüsse belegen , da der Fischfang an den Flußmündungen weit besser als anderswo ist und es außerdem sowohl im Winter als im Sommer leichter ist , auf Flüssen als durch Wälder zu sah - ren . Die Dörfer stehen in großer Entfernung von einan - der , eine oder zwei Tagereisen , damit jedes Dorf ein hin - längliches Jagd - und Fischgebiet habe . In jedem Dorfe gibt es gewöhnlich nur zwei oder drei Jurten ; fünf Jurten bilden schon ein ansehnliches Dors , und das größte Dors , wel - ches ich auf meiner Reise angetroffen habe , das obengenannte Aetimje - Paul , besteht aus sieben Jurten . Die Jurten sind von zweierlei Art : Winter - und Sommerjurten . Die ersteren werden aus Balken errichtet , mit Moos kalfatert und mit einem Borkendach nebst Latten bedeckt . Sie sind selten größer als drei Klafter lang und tief . Die Thür , vor welcher sich selten irgend eine Vorstube oder eine andere Vorkehrung befindet , liegt gewöhnlich nach Süden , wahr - scheinlich aus der Ursache , weil der Wiud von dieser Seite weniger scharf ist als andere Winde . In einem Winkel bei der Thür steht eine kleine aus Lehm und Gras zusam - mengebackene Feuerstelle , die einem englischen Kamin voll - kommen ähnelt und in der das Feuer den ganzen Tag brennt , in der Nacht aber der Rauchfang vom Dache aus mit Birkenrinde bedeckt wird . Die Wärme von dieser Feuerstätte ist , nachdem das Feuer iu derselben erloschen ist , nicht groß , denn dazu ist sie zu kleiu und aus zu schlechtem Material aufgeführt ; auch friert man in der Nacht recht tüchtig in diesen Jurten , und das einzige Mittel gegen die Kälte in ihnen ist , sich so nah als möglich aneinander zn packen . Das Tageslicht dringt durch ein kleines Fenster , das gewöhnlich aus Glas , in Ermangelung desselben auch aus Fischhaut oder Papier ist . Längs den Wänden der Jurte laufen an zwei Seiten eine halbe Elle hohe und sehr breite Bänke oder Schlafstellen , welche den Bänken in einer tatarischen Stube ähnlich sehen und mit Birkenrinde oder mit einem Binsengewebe bedeckt sind . Tritt ein höher ge - ehrter Gast in die Jurte , so werden auf dieser Bauk für ihn mehrere Rennthierfelle ausgebreitet ; aber so lockend auch die weißen und weichen Felle aussehen , ist es doch uicht gerathen , sich auf dieselben zu setzen , denn sie sind voll von Flöhen ; der Fremde thut am besten , sich ans den kleinen niedrigen Stuhl zu setzen , der als Tisch benutzt wird ; denn dieser ist von aller Berührung mit den Bänken isolirt , und die Flöhe können so sast vermieden werden . Zu jeder Jurte gehören ein oder zwei kleine Vorrathshäuser , die auf hohen Pfosten errichtet sind , und hinter diesen steht schon der düstre Föhrenwald , dessen Rauschen und frischen Duft der Wogule so sehr liebt . Die Sommerjurten , in welche er stets während der warmen Jahreszeit zieht , auch wenn er bei den Winterjurten zurückbleiben sollte , sind von Bir - kenrinde und an der Soswa von konischer Form . In diesen
t . — Tättowirung . — Elende Nahrung . — Körperbau . — Cha - jr Schamanismus . — Tauschhandel . — Regierungsverhältnisse .
brenut das Feuer mitten in der Jurte , und der Rauch steigt durch eine Oeffnuug im Dach ; sie sind ohne Fußboden und auch in anderer Hinsicht mangelhafter als die Winterjurten .
Solcher Art sind die Wohnungen der beresow'schen Wo - gulen . Die südlichen Wogulen oder die an derLoswa und am Pelym wohnenden halten selten Sommerjurten , sondern leben den Sommer und Winter in Wohnungen aus Balken . Diese unterscheiden sich von den Jurten der nördlichen Wogulen nur dadurch , daß neben der oben beschriebenen Feuerstelle eiu ziemlich großer Grapen ein - gemauert steht , unter welchem hier der Rauch durch eine besonders gewundene Röhre zum obern Theil der Feuer - stelle geleitet wird . Diese südlichen Wogulen saugen auch au russische Stubeu zu bauen , welche hiuter die Jurte ge - stellt werden , so daß letztere eine Art Vorhaus zur Stube bildet , welche bei ihnen das Gastzimmer vertritt .
Das Hausgeräth und sonstige Werkzeuge können hei einem so lebenden Volke nicht mannigfaltig sein . Außer dem Hunde bildet das Gewehr das theuerste Eigeuthum des Wogulen , obwohl feine Büchsen gewöhnlich von der schlechtesten Art sind . Seine anderen Waffen sind ein Bärenspieß , eine Axt und ein großes Messer , das nebst dem Feuerzeug stets au seiner Seite hängt . Außer dem Kochgeschirr sind alle anderen Gefäße aus Birkenrinde , sogar der Löffel und die Kinderwiege machen hiervon keine Aus - nähme ; die Birkenrinde verstehen sie im Allgemeinen gut zu behandeln , obwohl ihre Arbeiten aus derselben lange nicht so stattlich und nett sind als die im nördlichen Finn - land verfertigten . Die Boote auf den kleinen Flüssen sind aus einem einzigen Stamm ausgehöhlt und so geformt , daß sie sehr leicht einherlaufen , aber so niedrig , daß man sie uicht mit gewöhnlichen Rudern , sondern nur mit Steuer - rudern vorwärts bewegen kann . Ans der Soswa und dem Ob aber sind auch die Boote der Wogulen größer und mit einem Mast versehen ; gewöhnlich werden zwei solcherBoote zu einem Fahrzeug vereinigt , wenn sich eine ganze Familie aufs Wasser begibt .
Die Tracht der südlichen Wogulen ist ungefähr der Art , wie die Tracht der dortigen Russen , nur gewöhnlich schlechter und zerlumpter . Die Tracht der Soswa - Wogu - len ist die wohlbekannte M a l i z a , welche im Sommer aus russischem Bauerntuch , im Winter aus Rennthierfellen und doppelt ist , so daß die Haarseite der obern Maliza nach außen , der untern aber nach innen gekehrt ist . Mützen kennen die Soswa - Anwohner nicht . Im Sommer bildet das lange und dichte Haar , das in zwei Flechten hart ge - flochten getragen wird , den einzigen Schutz des Kopfes , im Winter dagegen werden Kopf und Gesicht mit einer Art von Rennthierfellsack bedeckt , der an den Kragen der Ma - liza angenäht ist . Die Fußbekleidung besteht im Sommer nnd im Winter aus den sogenannten P i m y , einer Art langschastiger Rennthiersellstiefeln , welche im Sommer aus haarlosem Fell , im Winter aus behaartem verfertigt werden und im letztem Fall doppelt sind . Die Unterkleider ( Hemde
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