F. Rudolf Lehmann
1887 — 1969
F. Rudolf Lehmann studierte vor dem 1. Weltkrieg Theologie, Philo
sophie und Ethnologie in Leipzig unter Gelehrten wie Nathan Söder-
blom, Karl Weule und Wilhelm Wundt. In den 30er Jahren wurde er
Professor für Völkerkunde und erhielt die venia legendi für Religions
wissenschaft. 1939 begab er sich auf eine Reise nach Ostafrika, wurde
vom Krieg überrascht und kam nach Südafrika ins Lager. Er wurde
1941 an die Universität des Witwatersrand entlassen. Von 1947-49 arbei
tete er als staatlicher Forschungsbeamter in Südwest. 1950 wurde er
als Professor für Völkerkunde nach Potchefstroom berufen. Von 1958
bis 1962 las er in München über Europäisierungserscheinungen unter
Eingeborenenvölkern und arbeitete seit 1951 am Sociologus mit.
Beim Eindringen in das Wesen fremder Kulturen bemühte sich Leh
mann um die Etymologie und den Bedeutungswandel der Bezeichnungen
für die zu erforschenden Erscheinungen. Er stellte fest, daß solche Wör
ter bei der Übernahme in westliche Sprachen, aber auch bei ihrer Ein
führung in die Wissenschaft oft eine Umdeutung und einen weiteren
Bedeutungswandel erleiden. Viele seiner Arbeiten beginnen daher mit
einem wertvollen Exkurs in die Semasiologie. Doch erkannte Lehmann,
daß für manche Erscheinungen die etymologische Methode unzureichend
ist und durch eine Schilderung der erkenntniskritischen Lage der
schriftlosen Völker ergänzt werden muß. So sind im „uferlosen Gebiet
des Zauberglaubens“ die einheimischen Begriffe nicht erklärend, son
dern hinweisend, d. h. sie bezeichnen nur, in welchen Bereich des Glau
bens eine Erscheinung fällt, z. B. schwarze oder weiße Magie. Die er
kenntniskritische Lage ist jedoch wandelbar. Bei „primitiven“ Völkern
gibt es Mythen vom Weltuntergang. Bei anderen Völkern tritt an ihre
Stelle die Hoffnung auf eine sittliche Reinigung, die Weltvollendung.
Lehmann teilte die Auffassung der religionsgeschichtlichen Theologie,
daß „Ursprung, Wesen und Bedeutung der Religion sich am deutlichsten
aus dem Studium des Geisteslebens schriftloser Völker“ ergäbe. So
überzeugte ihn seine Forschungsmethode, daß Mana das außerordentlich
Wirksame in Personen und Dingen ist, also ein Attribut und kein Sub
jekt bezeichnet. Er wandte sich auch gegen eine einseitig auf die Sakral
sphäre beschränkte Deutung, ebenso wie für den Begriff Tabu, welcher
ursprünglich von ganz allgemeiner, viel mehr praktisch-profane als reli
giöse Verbote umfassenden, Bedeutung ist.
l Sociologus 20, 1