Buchbesprechungen und Bibliographien
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das Ergebnis nochmals auf die strukturalistischen Grundüberzeugungen zurückzubiegen
versuchte.
So ist das Buch ein Dokument eines sich anbahnenden Paradigmenwechsel. Doch
hierzulande, wo man noch nie allzuviel mit Lévi-Strauss anzufangen wußte, sollte man
nicht allzuvorschnell triumphieren, denn der theoretische Diskurs schreitet nicht zurück,
sondern bricht zu noch komplexeren Ansätzen auf, die einerseits anerkanntermaßen durch
den Strukturalismus hindurch über ihn hinausgelangen und die andererseits sehr viel an in
terdisziplinärer Theoriearbeit voraussetzen — wann wir im deutschen Sprachraum daran
Anschluß gewinnen, ist noch nicht abzusehen; hoffentlich trägt der vorliegende Band zur
Beschleunigung bei. Wolfdietrich Schmied-Kowarzik
Ganzer, Burkhardt: Kategorie und Verwandtschaftstermino
logie in der Theorie der präskriptiven Allianz. Europäische
Hochschulschriften, Reihe XIX, Volkskunde/Ethnologie, Abt. B Ethnologie, Band 6.
Peter Lang, Frankfurt am Main, Bern, Las Vegas 1979. 275 Seiten.
Der Autor gliedert seine Dissertation — im wesentlichen eine Untersuchung der Theo
rie der präskriptiven Allianz von R. Needham — in sechs Abschnitte. Im ersten Abschnitt
(I) gibt er eine allgemeine Einführung ins Thema. Im zweiten Abschnitt (II) befaßt er sich
mit dem Begriff „Präskription“, und im dritten Abschnitt (III) setzt er sich mit den Inter
pretationsmöglichkeiten präskriptiver Terminologien auseinander. In den Unterabschnit
ten von III und deren Untergliederungen untersucht er folgende Zusammenhänge: den
Modellcharakter von präskriptiven Terminologien als Allianzsystemen in ihrer symmetri
schen und asymmetrischen Ausprägung sowie die Anwendung extensionsistischer Analyse
verfahren auf präskriptive Terminologien. Im vierten Abschnitt (IV) wird der Zusammen
hang von präskriptiven Terminologien und sozialen Kategorien analysiert. Dann wird im
fünften Abschnitt (V) dieser Sachverhalt noch philosophisch vertieft. Und schließlich wer
den im sechsten Abschnitt (VI) die letzten Erklärungsgründe der präskriptiven Allianzthe
orie zur Diskussion gestellt.
Nach der Lektüre muß der Rezensent einerseits die Arbeit als gut empfinden, anderer
seits aber sich wegen der vermeidbaren Mängel ärgern. Zum Positiven! Der Autor weist
mit akribischer Detailuntersuchung nach, daß von dem maßlosen Anspruch der
Needham’schen Theorie der „präskriptiven Allianz“ am Ende nicht mehr viel übrig bleibt.
Der beste Teil der Arbeit, Abschnitt IV bis VI, befaßt sich mit den historischen und wissen
schaftstheoretischen Hintergründen der Needham’schen Theorie. Hier geht der Autor auf
theoretische Ansätze der Kognitiven Anthropologie ein, sowie auf die Theorie des „direk
ten“ und „indirekten“ Tauschs von Lévi-Strauss. Der Autor arbeitet sehr gut heraus, daß
Needham sowohl die Kognitionstheorien wie die Theorie von Lévi-Strauss für seine
Zwecke vereinnahmt, umdeutet und mißinterpretiert. Es wird einsichtig dargelegt, daß
Needham einfach eine Sonderstellung im Reich der Verwandtschaftstheoretiker, Kogni
tionstheoretiker, Tauschtheoretiker etc. beansprucht. Dies haben vor der Veröffentlichung
des Autors aber auch schon andere festgestellt, auch daß die Lévi-Strauss’sche Theorie des
„direkten“ und „indirekten“ Tauschs ebenso fragwürdig ist wie die davon abgeleitete
Needham’sche Theorie. Man fragt sich, warum nochmals eine wenn auch zugestanden
gründliche Arbeit über großteils schon Bekanntes so geschrieben wird. Man erwartet zu
mindest etwas Brauchbareres als die Needham’sche Theorie der präskriptiven Allianz; et
was, was ohne Vorab-Postulat tatsächlich mit der Realität in Einklang zu bringen ist.