210 Herta Haselberger:
und auf ein fingerhohes Lehmrelief gemalt. Derartige Zeichnungen auf plasti-
scher Lehmauflage sind auch im Sudan und an der Guineaküste häufig.
Das yon den maurischen Malerinnen in Oualata verwendete Rot ist eine
Mischung zweier Tonarten mit Gummiarabikum. Der Farbstoff wird mit dem
Finger aufgetragen. Manchmal sieht man in Oualata auch Indigo und Gelb,
Farben, die in Negerafrika kaum verwendet werden und deren Vorkommen
dort gewóhnlich auf Fremdeinflüsse zurückzuführen ist.
Die mannigfaltigen Ornamente setzen sich aus geschwungenen Linien und
Spiralen — Derivaten der Arabeske — zusammen und haben symbolische
Bedeutung. Um die Türen laufen ,Ketten", weiter kennen wir ,Lampen" und
Bücher", ja, manche Ziermotive
werden sogar als Mánner und
Frauen gedeutet. Die regelmäßi-
gen Mauerfüllungen, Tür- und
Fensterumrahmungen, Rosetten
und Sterne erinnern an die
strenge Anordnung antiker Mo-
saiken.
Im nahe gelegenen Nema, das
heute Qualata an Bedeutung über-
ragt, wurden durch einen jungen
Mann aus Oualata áhnliche Orna-
mente an die Háuser gemalt, und
eine Maurin aus Oualata hat das
Gerichtsgebáude in Nioro mit sol-
chen Verzierungen versehen.
In diesem Gebiet sind mehrere
Unterabteilungen von Neger-
stämmen ansässig, die in ihren
weiter südlich gelegenen Haupt-
wohngebieten die Wandmalerei
— nicht unbeeinflußt durch die
Kunst der Mauren — ausüben.
Bei den Peul von Timbuktu
und noch weiter im Süden, bei
den „rothäutigen“ Fulah im Fouta
Abb. 1. Eine Gourounsifrau trägt Kuhmist auf die Djallon, einem Gebirgsland in
Lehmmauer auf, um sie so für die Malereien s ;
vorzubereiten. Koudougou / Obervoltaprovinz. Franzôsisch - Guinea, kann man
heute die letzten Zeugnisse einer
prächtigen plastischen und gemal-
ten Wandverzierung bewundern. Die Fulah sind weifafrikanische Nomaden,
die sich im hohen Mittelalter in der Gegend niederließen und dann allmählich
die autochthone schwarze Bevölkerung absorbierten. Sie schneiden kolorierte
Verzierungen in die Lehmwände ihrer Häuser. Meist werden die Mauern aller-
dings nur geweißt und mit Kuhdung eingelassen. Die gemalten Verzierungen
werden immer seltener und sind nur in den Häuptlingsgehöften zu finden, da
sie sehr kostspielig sind. In den Wohnhütten einfacher Leute, großen, stroh-
bedeckten Rundbauten, beschränken sich die Zierate auf die tönernen Bett-
stellem und auf eine Wandbank, die sich über den ganzen Umfang des Haus-
inneren erstreckt und auf der die Vorráte aufbewahrt werden. In Palaver-
háusern und Háuptlingswohnungen jedoch ist die ganze Wand mit Halb-
monden, Stufenlinien, Spiralen und Kreuzen, deren Anordnung jedesmal eine
andere und neuartige ist, bedeckt. Ebenso schmiickt man auch den Fußboden