Page Banner

Full Text: Zeitschrift für Ethnologie, 75/77.1950/52

  
Eine Häuptlingsbestattung auf Luf 
(Nach hinterlassenen Aufzeichnungen F. E. Hellwig’s) 
Von 
Herbert Tischner 
Mit 2 Abbildungen 
Die Geschichte der paramikronesischen Inseln Luf, Ninigo und Kaniet 
seit ihrer Berührung mit den Weißen bietet in ihrer Tragik das uns aus der 
ganzen Südsee und darüber hinaus bekannte düstere Bild. Süßwasser, frische 
. Nahrungsmittel und hauptsächlich der begehrte Trepang haben schon früh 
Händler verschiedener Nationen aus Singapore und den Karolinen auf dieses 
inselgebiet aufmerksam gemacht. Übergriffe und Gewalttátigkeiten gewissen- 
loser Weifer waren auch hier die unausbleibliche Folge dieses Kontaktes, 
der sich durch Einschleppung von Krankheiten und Entführung eines betrácht- 
lichen Teiles der besten männlichen Bevölkerung als Arbeiter oder zum 
Dienst auf Handelsschiffen hier erklärlicherweise um so verheerender aus- 
wirken mußte, als die an sich zahlenmäßig schon sehr schwache Bevölkerung 
dieser kleinen Inseln den Verlust nicht auszugleichen oder zu tragen ver- 
mochte. Bedrohten also die Verschleppung als Arbeiter, die größere Sterb- 
lichkeit und der verhängnisvolle Geburtenrückgang den Fortbestand dieser 
kleinen Lebensgemeinschaften, so besiegelten ihr Schicksal schließlich die 
wenig rühmlichen Strafexpeditionen gegen die Insulaner, nachdem diese sich 
aus Notwehr und berechtigten Rachegefühlen an irgendwelchen Europäern 
für die ihnen — wenn auch oft von anderer Seite — zugefügte Unbill ver- 
gingen oder sogar Schiffe überfielen und ausraubten, wie 1878 den auf seiner 
Fahrt von Yap bei Luf gestrandeten hamburgischen Dreimastschoner lise” 
oder den Dampfer ,Freya" im Jahre 1882. Man kann nicht ohne Ergriffenheit 
die amtlichen Berichte über die Strafexpeditionen lesen, denn der ungleiche : 
Kampf entbehrt nicht eines gewissen Heldentums auf seiten der Eingeborenen. 
So heißt es in dem mir u.a. vorliegenden Bericht des Korv.-Kapt. Karcher, 
Kommandanten SMS. ,,Carola", aus dem Jahre 1882 an die Admiralitát: ,,Am 
náchsten Morgen (31. Dezember) wurden 3 Anachoreten an Land gesetzt mit 
dem Auftrage, die Hermiten aufzusuchen und die Háuptlinge zur Unter- 
werfung aufzufordern ... Sie kehrten am Abend sämtlich unverrichteter Sache 
zurück ... Sie erklárten .. ., daD alle Hermiten sich in die Berge zurück- 
gezogen und beschlossen hátten, sich selbst zu tóten, wenn sie, dahin verfolgt, 
keinen Ausweg mehr wüften; unter Umständen wollten sie auch die Insel 
verlassen und versuchen, Uwe (La Boudeuse) zu erreichen; jedenfalls wollten 
sie sich lieber selbst den Tod geben, als sich gefangen geben." Einige Tage 
darauf stellte sich heraus, daB die Luf-Leute tatsáchlich in Booten nach Uwe 
entkommen waren; auch hierhin wurden sie verfolgt, aber trotz gründlicher 
Durchsuchung der Insel nicht aufgespürt. , Es bleibt‘, so heißt es weiter in 
dem Bericht, ‚„hiernach am wahrscheinlichsten, daB die geflüchteten Hermiten 
bei dem stürmischen Wetter in ihren Kanoes nach Süden oder Osten ver- 
trieben und entweder den Tod auf See gefunden oder nach einer anderen der 
zahlreichen Inseln verschlagen worden sind, in welchem Falle ihr Schicksal 
wohl ebenfalls besiegelt sein dürfte, da sie, überall gehaßt und gefürchtet, nur 
Feinde haben und auf den meisten Inseln noch die Menschenfresserei üblich."