Buchbesprechungen
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behandelt, im zweiten Teil beschreibt und
analysiert der Autor die Sozialorganisation.
Die größte Einheit stellt der (Um)tangilo dar,
eine putative partilineare Deszendenzgruppe,
deren Mitglieder den gleichen Namen tragen
und dasselbe Speisetabu beobachten, jedoch
heute nicht mehr exogam sind. Erst ihre Seg
mente, jeweils (Ulu)xolo genannt, verbunden
durch den gemeinsamen Ursprung von einem
bekannten Vorfahren, sind exogam. Im Bereich
der Siedlung und der Kooperation wird dieses
Strukturprinzip jedoch durch die Bildung des
(Luta)nana durchbrochen, einer Lokalgruppe,
die nicht durch Verwandtschaft, sondern durch
gemeinsames Siedeln befreundeter Familien ge
bildet wird. Diese Form der Sozialeinheit ist
jedoch jung und wurde durch die horrende
Dezimierung der Pangwa während der Maji-
maji-Freiheitsbewegung 1905—7 bedingt. Aus
führlich beschreibt der Autor Verwandtschafts
system und -termini, die Verhaltensweisen der
Verwandten gegeneinander, Heiratsregeln so
wie -tabus und illustriert sie mit Fallbeispie
len. Im dritten, wiederum kürzeren Teil be
schreibt Stirnimann die politische Organisa
tion vor, während und nach der Kolonial
periode, im vierten Teil (S. 153—280) legt er
die Riten des Lebens vor: Vorbereitung der
Pubertät mit rudimentärer Beschneidung und
Unyago, Heirat, erste Schwangerschaft, Ge
burt, Bestattungs- und Trauerriten. Auch hier
werden wiederum viele Fallbeispiele und hi
storische Wandlungen gezeigt. Der letzte ab
schließende Teil bringt als Zusammenfassung
eine Darstellung des Weltanschauungssytems
der Pangwa und eine Analyse der soziologi
schen Aspekte der Verwandtschaftsriten.
Auch die Sprache der Pangwa kommt im
Rahmen der beiden Bände nicht zu kurz, da
für Anbaupflanzen, Werkzeuge, Tätigkeiten,
Institutionen, Symbole, Brauchtümer usw. je
weils die einheimischen Termini (in Sg. und
PI.) wiedergegeben werden, und traditionelle
Gebete, Verse, Sprüche, Lieder sowie Klagen
in Xi-Pangwa und Übersetzung in reicher
Fülle geboten werden. H. Stirnimann arbeitet
bereits an einem weiteren Band, in dem eine
sprachwissenschaftliche Darstellung des Xi-
Pangwa gebracht werden soll.
Zusammenfassd kann festgestellt werden,
daß die beiden Bände eine wertvolle Berei
cherung des ethnographischen Wissens über
Afrika darstellen, deren in langer Arbeit ge
sammelte Datenfülle und Datenzusammenstel-
lung weiterer Afrikaforschung zum Vorbild
gereichen kann.
Rupert Moser
Johannes Kalter:
Die materielle Kultur der Massai und ihr
Wandel. Veröffentlichungen aus dem Über
see-Museum Bremen, Reihe F, Bremer Af
rika Archiv, Band 4. Bremen: Übersee-
Museum. 1978. VI + 258 S., 12 Pläne u.
Zeichn. i. T., 40 Zeichn. a. 11 Taf., 1 Kar
te.
Der Verfasser hat die Massai auf zwei kur
zen Feldaufenthalten (Februar—März 1971;
Oktober—Dezember 1972) in Kenia kennen
gelernt und sich speziell mit ihrer materiellen
Kultur befaßt. Er hat dabei auch Sammlungen
für mehrere Museen angelegt, so daß Beleg
stücke aus rezenter Zeit greifbar sind. Außer
dem hat er die alten Massai-Sammlungen in
den Museen für Völkerkunde in Berlin, Bre
men, Hamburg, Heidelberg, Mannheim und
Stuttgart, die Sammlung des Instituts für Völ
kerkunde in Mainz und die Privatsammlung
von Hermann Seeger in Kornthal, deren eine
Stärke Massai-Material ist, in die Untersu
chung einbezogen. Als Zweck der Arbeit be
zeichnet der Verfasser die zusammenfassende
Darstellung des alten und des rezenten mate
riellen Kulturinventars sowie den Versuch,
dessen Entwicklung aufzuzeigen.
In der Einleitung gibt Kalter eine sehr
nützliche kritische Bibliographie über die Mas
sai, die gleichzeitig eine kurze Forschungsge
schichte ist. Weitere Abschnitte der Einleitung
sind den Sammlungen und einer Darstellung
der eigenen Forschung Kalters gewidmet.
Zum Hauptteil leiten ein historischer Abriß
und Kapitel über Wirtschaft und Eigentums
verhältnisse sowie Sozialstruktur über.
Den Hauptteil hat der Verfasser „Die ma
terielle Kultur und ihr Wandel“ überschrieben.
Er ist in sieben Kapitel gegliedert, nämlich
Hütte und Dorfanlage, Hausrat und Werk
zeug, Verwertung des Viehs und Hilfsmittel
zur Viehhaltung, Waffen und ihre Hersteller,
Schmuck, persönliche Gebrauchsgegenstände,
Spiel. In jedem Kapitel werden zunächst die
Belegstellen der Literatur kritisch diskutiert,
eventuell unter Hinzuziehung von Belegstük-
ken alter Sammlungen der Museen. Danach
erfolgt die Erläuterung der zeitgenössischen
materiellen Kultur, wie der Verfasser sie vor
fand. Da es Kalter auf einen Überblick an
kam, wurden keine Einzelstücke, sondern Ty
pen diskutiert. Dies ist ein sehr sinnvolles Ver
fahren.
Etwas eigenartig mutet es an, daß der
Autor die Kleidung im Kapitel über den
Schmuck abhandelt. Er begründet dies (S. 94 f.)