Die Oper und das Wesen der Musik.31
ihrem unnatürlichen Dasein an keine Gesetze wirklicher Nothwendigkeit
für ihr Leben gebunden war, konnte jedem ersten besten Musikaben-
ieurer als gelegentliche Beute verfallen.
Dem unerquicklichen Anblicke, den das Kunstschaffen der so
genannten Nachfolger Mozart's darbietet, können wir hier füglich
vorbeigehen. Eine ziemliche Reihe von Componisten bildete sich ein,
Mozart's Oper sei etwas durch die Form Nachzuahmendes, wobei
natürlich übersehen wurde, daß diese Form an sich Nichts, und
Mozart's musikalischer Geist eben Alles gewesen war: die Schö
pfungen des Geistes durch pedantische Anordnungen nachzucon-
struiren, ist aber noch Niemand gelungen.
Nur Eines blieb in diesen Formen noch auszusprechen übrig:
hatte Mozart in ungetrübtester Naivetät ihren rein musikkünstlerischen
Gehalt zu höchster Blüthe entwickelt, so war der eigentliche Grund
des ganzen Opernwesens, dein Quell seiner Entstehung gemäß, mit
unverhülltester, nacktester Offenheit in denselben Formen noch kund
thun; es war der Welt noch deutlich und unumwunden zu
fügen, welchem Verlangen und welchen Anforderungen an die Kunst
eigentlich die Oper Ursprung und Dasein verdanke; daß dieses Ver
engen keineswegs nach dem wirklichen Drama, sondern nach einem
durch den Apparat der Bühne nur gewürzten — keineswegs
ergreifenden und innerlich belebenden, sondern nur berauschenden
und oberflächlich ergötzenden Genuß ausging. In Italien, wo
diesem — noch unbewußten — Verlangen die Oper entstanden war,
sollte endlich mit vollem Bewußtsein ihm auch entsprochen werden.
Wir müssen hier näher auf das Wesen der Arie zurückkommen.
So lange Arien componirt werden, wird der Grundcharakter
dieser Kunstform sich immer als ein absolut musikalischer heraus
zustellen haben. Das Volkslied ging aus einer unmittelbaren, eng
unter sich verwachsenen, gleichzeitigen Gemeinwirksamkeit der Dicht-
uust und der Tonkunst hervor, einer Kunst, die wir im Gegensatze
ru der von uns einzig fast nur noch begriffenen, absichtlich gestal-
^uden Culturkunst, kaum Kunst nennen möchten, sondern vielleicht
Ulch: unwillkürliche Darlegung des Volksgeistes durch künstlerisches
^uuögen, bezeichnen dürften. Hier ist Wort- und Tondichtung