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59Kiefer (song) und Zypresse (bo) gelten in China als gängige Symbole für Dauerhaftigkeit und langes Leben
und als Sinnbilder für das Ausharren in schwierigen Zeiten. In den Gesprächen des Konfuzius (Lunyü)
heißt es: »Der Meister sprach: Erst wenn das Jahr kalt wird, erkennst Du, dass Kiefer und Zypresse als letz-
tes welken.« (Debon 1989: 47).
60Gemeint ist der Lingzhi, der Pilz des langen Lebens, ein Baumschwamm, der an faulem Holz wächst. Für
die Daoisten galt er als mystisches Zaubermittel zur Verlängerung des Lebens.
Dieses Jahr begab ich mich wieder an diesen Ort der Blütenpracht
Versinkend in Gedanken an vergangene Zeiten.
Dann wurde wieder alles leer.
Ich klopfte und trommelte entlang der Balustrade.
Den Menschen zugewandt blieb ich stumm
Mein Kummer erfüllte die rot blühenden Zweige.
Die Chrysantheme versinnbildlicht hier somit zwei gegensätzliche Gefühlszustände, die
auch allgemein für sie und ihre Zeit stehen: sie verspricht die sonnige Freude und Hoffnung,
erinnert aber gleichzeitig an das Sterben der Natur und das Kommen des Winters. Die Bild-
aufschrift verleiht der Darstellung ein nachdenkliches, intensives Gefühlsmoment, hat aber
auch ein beschreibendes Element. Der Druck zeigt einen Stein, wie er häufig in chinesischen
Gärten zu finden ist: Er ist löchrig und bizarr geformt. Durch seine Hohlräume ist der dünne
Stängel einer Chrysantheme erkennbar, der schräg nach rechts oben an der Hinterseite des
Steins verläuft und dessen Blüten an dessen rechtem oberem Ende hervorragen. Unter dem Ge-
wicht der großen, vollständig geöffneten Blüte biegt sich der Stängel. Es wirkt, als würde sich
die Blume im herbstlichen Wind entspannt und träge an den Stein lehnen wie die berauschten
und trägen Figuren in dem Lied.
Druck 77-11-63 (Abb. 12), der einen Titel, jedoch keine Aufschrift trägt, entspricht mit
gleicher Intensität dieser Stimmung. Goepper kommentiert es folgendermaßen: »Auch dieses
Blatt […] atmet herbstliche Schwermut. Auch aus dem Titel spricht sie zu uns: ›Welkende For-
men, vermehrte Schönheit‹: zerfressene braune Blätter sitzen noch vereinzelt an dem sperrigen
Zweig und man fühlt förmlich, dass sie der nächste Windstoß verwehen wird; in üppiger Pracht
aber entfaltet die stolze Chrysantheme inmitten des allgemeinen Vergehens ihre sonnenglei-
che Blüte.« (Goepper 1960: 60)
Ein klares Beispiel für die viel gerühmte Schönheit der Chrysantheme während ihrer
Herbstblüte ist die Aufschrift auf Blatt 77-11-51 (Abb. 13). Sie gehört zu dem Prosagedicht
über die Pracht der herbstlichen Chrysanthemenblüte (Juhua fu) des Lu Zhan (Gujin tushu
jicheng, Bd. 538, Kap 90: 54a–54b), dessen siebten und achten Vers sie bildet. Wieder wird
hier das Thema der Dauerhaftigkeit angesprochen:
Wie ist diese Pflanze wunderbar!
Sie durchlebt die Veränderungen der Zeit ohne Schaden
Und übertrifft selbst die winterliche Blüte von Kiefer und
Zypresse.59
Sie überdauert die winterliche Pracht der Pflanze des langen
Lebens,60
sie schlägt Wurzeln in der tiefsten Erde
ihre Stängel recken sich hoch gegen die Sonne.