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Volltext: Münchner Beiträge zur Völkerkunde, 13.2009

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59Kiefer (song) und Zypresse (bo) gelten in China als gängige Symbole für Dauerhaftigkeit und langes Leben 
und als Sinnbilder für das Ausharren in schwierigen Zeiten. In den Gesprächen des Konfuzius (Lunyü) 
heißt es: »Der Meister sprach: Erst wenn das Jahr kalt wird, erkennst Du, dass Kiefer und Zypresse als letz- 
tes welken.« (Debon 1989: 47). 
60Gemeint ist der Lingzhi, der Pilz des langen Lebens, ein Baumschwamm, der an faulem Holz wächst. Für 
die Daoisten galt er als mystisches Zaubermittel zur Verlängerung des Lebens. 
Dieses Jahr begab ich mich wieder an diesen Ort der Blütenpracht 
Versinkend in Gedanken an vergangene Zeiten. 
Dann wurde wieder alles leer. 
Ich klopfte und trommelte entlang der Balustrade. 
Den Menschen zugewandt blieb ich stumm 
Mein Kummer erfüllte die rot blühenden Zweige. 
Die Chrysantheme versinnbildlicht hier somit zwei gegensätzliche Gefühlszustände, die 
auch allgemein für sie und ihre Zeit stehen: sie verspricht die sonnige Freude und Hoffnung, 
erinnert aber gleichzeitig an das Sterben der Natur und das Kommen des Winters. Die Bild- 
aufschrift verleiht der Darstellung ein nachdenkliches, intensives Gefühlsmoment, hat aber 
auch ein beschreibendes Element. Der Druck zeigt einen Stein, wie er häufig in chinesischen 
Gärten zu finden ist: Er ist löchrig und bizarr geformt. Durch seine Hohlräume ist der dünne 
Stängel einer Chrysantheme erkennbar, der schräg nach rechts oben an der Hinterseite des 
Steins verläuft und dessen Blüten an dessen rechtem oberem Ende hervorragen. Unter dem Ge- 
wicht der großen, vollständig geöffneten Blüte biegt sich der Stängel. Es wirkt, als würde sich 
die Blume im herbstlichen Wind entspannt und träge an den Stein lehnen wie die berauschten 
und trägen Figuren in dem Lied. 
Druck 77-11-63 (Abb. 12), der einen Titel, jedoch keine Aufschrift trägt, entspricht mit 
gleicher Intensität dieser Stimmung. Goepper kommentiert es folgendermaßen: »Auch dieses 
Blatt […] atmet herbstliche Schwermut. Auch aus dem Titel spricht sie zu uns: ›Welkende For- 
men, vermehrte Schönheit‹: zerfressene braune Blätter sitzen noch vereinzelt an dem sperrigen 
Zweig und man fühlt förmlich, dass sie der nächste Windstoß verwehen wird; in üppiger Pracht 
aber entfaltet die stolze Chrysantheme inmitten des allgemeinen Vergehens ihre sonnenglei- 
che Blüte.« (Goepper 1960: 60) 
Ein klares Beispiel für die viel gerühmte Schönheit der Chrysantheme während ihrer 
Herbstblüte ist die Aufschrift auf Blatt 77-11-51 (Abb. 13). Sie gehört zu dem Prosagedicht 
über die Pracht der herbstlichen Chrysanthemenblüte (Juhua fu) des Lu Zhan (Gujin tushu 
jicheng, Bd. 538, Kap 90: 54a–54b), dessen siebten und achten Vers sie bildet. Wieder wird 
hier das Thema der Dauerhaftigkeit angesprochen: 
Wie ist diese Pflanze wunderbar! 
Sie durchlebt die Veränderungen der Zeit ohne Schaden 
Und übertrifft selbst die winterliche Blüte von Kiefer und 
Zypresse.59 
Sie überdauert die winterliche Pracht der Pflanze des langen 
Lebens,60 
sie schlägt Wurzeln in der tiefsten Erde 
ihre Stängel recken sich hoch gegen die Sonne.
	        
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