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Objekt: Zeitschrift für Volkskunde, 85.1989

Bürgerliche Gehkultur in der Epoche der Französischen Revolution 
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freien Räumen am besten denke und dichte. Nicht nur zum „Verhocktsein“, zu 
körperlicher und geistiger Schwerfälligkeit, wie sie Bauern und auch Handwerkern 
zugeschrieben werden, geht man auf Distanz, sondern ebenso, und in mehrfachem 
Sinn, zum Adel: Zum einen steht das Prinzip Gehen als „elementare“ Bewegungs- 
Weise mit ihrer Verbindung von Einfachheit, Stetigkeit und Vorwärtsgerichtetheit 
auch dort, wo es bloßes Müßiggehen ist, doch den für Arbeit und Alltag nützli 
chen Verrichtungen näher als die Körperkultur des Adels: „Der vornehmen Welt“, 
spottet z. B. Pestalozzi, „ist nichts gewöhnlicher als Tänzer, die nicht einmal recht 
zu Fuß gehen“, und beschreibt die Straßenbegegnung mit einer Tänzerin: „Sie 
schleicht vor der Feinheit ihrer der edlen Tanzkunst geweihten Füße neben dir 
vorbei wie der Schatten an der Wand. Zum Nothwendigen, zum Großen, zum Er 
habenen untauglich, haben diese (...) Schau- und Scheinspringer keine wahre 
Menschenkraft.“ 10 11 Zum anderen wird an die Tatsache angeknüpft, daß Gehen kei 
ner Hilfsmittel und keines Hilfspersonals bedarf; der Verzicht auf Wagen oder 
Pferd wird vom Armutszeugnis zur Demonstration von Autonomie: „O! zu Fuße! 
zu Fuße! da ist man sein eigener Herr!“, heißt es im Bericht über einen Ausflug der 
Salzmannschen Zöglinge 11 , und Seume schreibt: „Ich halte den Gang für das 
Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles 
besser gehen würde, wenn man mehr ginge“. 12 Und nicht nur bei ihm, der auch 
den Satz „Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft“ 13 prägt, verbindet sich das Vo 
tum für das Gehen mit antifeudaler Polemik: So wie er über den König spottet, der 
»ohne allen Gebrauch seiner Füße sich ins Feld bewegen läßt“ 14 , so häufen sich 
schon früher die Satiren über Adlige, die zu jeder Bewegung der Stütze bedürften, 
und im „Schwäbischen Magazin zur Beförderung der Aufklärung“ z. B. heißt es 
1786 über einen jungen Adligen, der sich aus der Kalesche heben läßt: „Es ist mir 
der widerlichste Anblick, einen jungen, gesunden Menschen, der noch alle seine 
Jugendkräfte beysammen hat, oder doch von Rechtswegen haben sollte, von einem 
alten (...) Mann (...) bedient zu sehen“. 15 Die pädagogische Literatur der Zeit 
denkt bei ihrer Kritik am Gängelwagen und vielen Herumtragen von Kindern 
übrigens ganz ähnlich: So etwa Johann Michael Sailer, der das Getragenwerden 
durch Ammen „das Hofleben der Langeweile leben“ nennt. 16 
10 Johann Heinrich Pestalozzi: Ueber Körperbildung als Einleitung auf den Versuch einer Elementar 
gymnastik, in einer Reihenfolge körperlicher Uebungen. In: Heinz Meusel: Johann Heinrich Pesta 
lozzi über Körperbildung. Frankfurt am Main 1973, S. 21. 
11 Reisen der Salzmannischen Zöglinge. Bd. 2, Leipzig 1786, S. 93. — Diesen Beleg verdanke ich Hans- 
Joachim Althaus, dessen Anregungen diesem Beitrag auch in anderen Punkten zugute gekommen 
sind. 
12 Johann Gottfried Seume: Mein Sommer 1805. In: Seumes Werke in zwei Bänden. Berlin/Weimar 
1965, S. 7. 
13 Ebd., S. 8. 
14 Ebd. 
15 Einfältige Gedanken eines alten ehrlichen Pächters über Genie, bon Ton, vornehme modische Er 
ziehung usw. In: Schwäbisches Magazin zur Beförderung der Aufklärung, 1. Jg. 1786, S. 93 f. 
16 Vgl. Heinz-Egon Rösch: Leibeserziehung süddeutscher Pädagogen um 1800. Ahrensburg 1974, S. 47.
	        
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