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Dr. Hermann Ulrich.
methodischen Folgerungen, die Jaspers an seine Kritik für die Psychopatho
logie anschließt, lassen sich auch auf die in der Ethnologie vorliegende
Methode übertragen: das starre Nebeneinander muß durch psychologische und
soziologische Erwägungen in ein Miteinander umgewandelt werden, in ein
Ganzes spezifischer Struktur, in dem jedes Element eine nur ihm eigentümliche
Färbung hat. Jaspers schreibt: „In der allgemeinen Psychopathologie behan
delt man einzelne Symptome und Symptomkomplexe isoliert auf das hin, worin
sie übereinstimmen — gleich, bei welcher Krankheit sie auftreten. Daran
schließt man die Behauptung, daß diese Symptomkomplexe bei allen Krank
heiten Vorkommen, wenn auch einzelne bei einigen Krankheiten häufig sind
und so für diese charakteristisch werden. Allein die Symptome und Symptom-
komplexe treten nicht überall identisch, nur nach Häufigkeit verschieden auf,
die Krankheitsbilder sind keine mosaikartigen Gebilde, die aus einzelnen über
all identischen Steinen zusammengesetzt sind, vielmehr hat jedes Symptom bei
verschiedenen Kranken mannigfache Nuancen, die nicht nur in der mehr oder
weniger vollständigen Entwicklung des ,reinen 4 Symptoms bestehen, sondern
aus der verschiedenen Individualität und aus verschiedenen allgemeinen see
lischen Veränderungen herfließen.“ (Cf. auch das bei Krueger Gesagte!)
9. Offenbar ist die Bedeutung, die der Form innerhalb der Kultur
kreistheorie als Erkenntnisgrund zugeschrieben wird, nicht selbst historisch
beweisbar, sondern beruht auf anderen Erwägungen (nämlich wesentlich
psychologischen), über die sich freilich Gräbner nicht näher äußert. Wenn
Krueger („Entwicklungspsychol.“, S. 174) sagt, daß nicht nur in den Kapiteln
über Quellenkritik, sondern auch in den Gedankengängen Geäbner’s über das
Formproblem eine Fülle psychologischer Voraussetzungen und Fragen stecken,
so ist ihm dies wohl zuzugeben, aber es scheint uns, daß Krueger hier Seins
und Erkenntnisgrund verwechselt. Er sagt z. B. (S. 174): „Die hier hervor
tretende Fragestellung durchbricht die historische Enge, worin Gräbner’s
Lehre vom völkerkundlichen Erklären im Ganzen befangen bleibt“ 4S .
10. Das Quantitätskriterium läßt sich übrigens durch Korre
lationsmethoden noch exakter gestalten (siehe z. B. J. Czekanowsky). Darauf
weisen auch die Begriffe: Formzusammenhang, Kultureinheit usw. hin, die
methodisch als Vereinigungen des Formkriteriums mit dem Quantitäts
kriterium anzusprechen sind, d. h. also, daß verschiedene Kulturerscheinungen
mit Konstanz zusammen auftreten, oder anders ausgedrückt: korrelationiert
sind. Gewiß erfahren wir durch derartige Methoden über den Grund der „Ad
härenz“ zunächst nichts, es kommt uns aber vorderhand auch nur darauf an,
möglichst exakt dieses Phänomen der Adhärenz darzustellen. Doch spricht gegen
eine breite Anwendung statistischer Methoden die geringe Anzahl der jeweiligen
Fälle und die unsichere Feststellung der Vergleichseinheiten.
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über das „Formkriterium“ hinaus in der Anwendung auf die geistige Kultur (Religion, Kunst usw.);
dann werden auch alle von uns angeschnittenen Probleme akut werden.
43 Siehe die Ausführungen Krueger’s in seiner Entwicklungspsychologie, der einen
einseitigen Historismus in der Ethnologie zurück- und der Beziehungen der GRÄBNER’schen
Methode zur Psychologie aufweist. Er zeigt auch manche unklaren Begriffe auf und die ein
seitige historische Verwendung mancher Kategorien (z, B- „Kultureinheit“).