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Volltext: Geteilte Nachbarschaft

Bevollmächtigter in seinem Abschnitt 
Herr Richter: »Es gab die Maßgabe, daß der ABV seine 
Ermittlungen machen mußte zu Leuten, die ausrei- 
sten, oder zu den Reisenden in den Westen ... In den 
50er Jahren sind wir noch ... in unsern Bereichen, ge- 
wesen, [haben] mit den Leuten persönliche Kontakte 
zehabt und haben ooch richtige Polizeiarbeit gemacht. 
Wenn irgendwat los war ... an Einbrüchen und so’n 
Zeug, hat der ABV seine Uniform in ’n Schrank ge- 
hangen und is in Zwil durch die Gegend gezogen, zu 
Nachtzeiten ... bis man halt den Täter hatte. Det mußte 
man zum Schluß ooch machen ... aber er hatte ja seine 
Arbeit, det heißt seine Einschätzungen zu schreiben, 
det war mitunter ’ne Menge, und da mußte er sehn, 
wie er klarkommt, da konnt er sich det nich erlauben, 
nächtelang durch die Gegend zu ziehen, und ... seine 
Arbeit mußte ja abgeliefert werden am nächsten Tag, 
da standen ehm andere Leute dahinter: ... Wie weit ist 
der Erfüllungsstand? Da wurde schon ganz schön mehr 
verlangt ... Die Tätigkeit fürn ABV hatte sich dann so 
weit degradiert, sag’ ick ma so, im Laufe der letzten 
Jahre, daß er also nur noch zu tun hatte mit Einschät- 
zungen der Leute, die nach drüben fahren wollten und 
die nich wiederkamen, und so’n Zeugs, die Einschät- 
zungen wurden politisch gefordert ... Wenn man dabei 
ist, dann versucht man, sich innerlich zu qualifizieren, 
das heißt also, mal nachzulesen: Wat is ’n Polizist, wat 
muß er machen, wat wird von ihm verlangt? Diese 
Tätigkeiten ... konnten sich letztendlich kaum verein- 
baren mit dem, wat letztendlich gefordert war ... Der 
ABV soll das Bindeglied sein zur Bevölkerung, so war 
et ja ooch von der Grundlage her früher mal, bloß ... 
es wurden ja immer mehr Anträge, die ick zur Ausret- 
se hatte ... Zu jedem Mist mußte ’ne kurze Einschät- 
zung der Person gemacht werden ... Also, mir persön- 
lich hat det nich mehr gepaßt, det war zuviel, Ick habe 
nischt dagegen, wenn ick mal ’ne Einschätzung ma- 
chen muß zu jemand, der der Meinung ist, er muß 
übersiedeln. Denn sollte man det objektiv machen und 
sollte sagen, jawoll, der hat Gründe oder hat keine 
Gründe. Kann man aber nich pauschal machen, da 
muß man sich mit den Leuten befassen, wat ick im- 
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mer gesagt hatte. Muß man dahin gehen, muß sich 
det angucken: Unter welchen Verhältnissen lebt und 
arbeitet er, ja, wie wohnt er denn, welche familiären 
„. Verhältnisse sind da ... Und det wurde dann letztes 
Jahr kaum noch gefragt ... Det konnte kaum noch je- 
mand machen. Ick kenne viele Fälle, wo die ABVs 
gesagt ham: Kenn ick, die Leute, aufgefallen is er noch 
nich, wird Pauschaleinschätzung gemacht, fertig ...« 
Deutlich wird der Übergang von der Absicht, 
die Menschen durch Überzeugung für den Sozialis- 
mus nach Art der DDR zu gewinnen (einmal abgese- 
hen von der immer drohenden Gewaltanwendung des 
Staates gegen »negative Kräfte«), zur bloßen bürokra- 
tischen Verwaltung der Unwilligen, wenn sie denn 
aicht mehr zu halten waren. Bürokratie (im Sinne der 
Mangelverwaltung und materiellen Zuteilung) war 
gleichsam ein Geburtsfehler der DDR, konnte aber 
auch immer wieder beschworen werden, um für die 
Mißstände ein einzelnes untergeordnetes Organ oder 
den mangelnden Willen eines Bürokraten verantwort- 
lich zu machen. Die Frage nach den Gründen für die 
anschwellenden Ausreisebekundungen drängte sich 
jetzt anders auf als bei den vergleichsweise vereinzel- 
ten Versuchen, die Mauer direkt zu überwinden. War 
die Betonierung der unzureichenden Lebensverhält- 
nisse wirklich ausschließlich einer Bürokratie geschul- 
det, die gegen alle Verbesserungsversuche immun war? 
Herr Richter: »Es gab viele Gründe dafür ... aus 
meiner Sicht damals. Ick hab’ viele Fälle erlebt, die an 
der Bürokratie gescheitert sind, schlicht und einfach 
an der Bürokratie. Wenn Leute mit ihrem Kind bei- 
spielsweise in einer Anderthalbzimmerwohnung drin- 
wohnen, da gibt’s keen Korridor un nischt ... Ick mach” 
die Wohnungstüre uff und komme aus der Kälte in 
die Küche rin, und die Wände sind gefroren ... Und 
man macht eene Beschwerde nach der andern, das 
kommt nich in Gang, bürokratisch verbaut und ver- 
mayert ... so daß ick die Leute also verstanden hab’... 
Und wenn se ooch unterschiedlichste Probleme hat- 
ten, die mich nicht betrafen, wo man sich so ringedacht 
hatte ... Hat mich ja nun ooch ’n bissel geschafft, so-
	        
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