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Inhalt / Download : Anthropos, 62.1967

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Fünftes Kapitel. 
Aber selbst wenn wir zugestehen, daß es eine Zeit gegeben, in 
welcher die Vaterschaft, im physiologischen Sinne des Wortes, nicht 
entdeckt war, so glaube ich doch nicht, daß der der weiblichen Abstam— 
mung gewährte Vorrang dieser Thatsache zuzuschreiben sei. Wenn die 
Benennung der Kinder und die Erbfolgegesetze thatsächlich in erster Reihe 
von Begriffen über Blutsverwandtschaft abhängig wären, dann müßten 
wir erwarten, daß ein Wechsel hinsichtlich der letzteren auch eine Ände— 
rung in der ersten Beziehung nach sich ziehen würde. Doch die Bluts— 
bande haben einen viel geringeren direkten Einfluß auf den fraglichen 
Gegenstand ausgeübt als man im allgemeinen annimmt, denn das 
System „der Verwandtschaft bloß nach weiblicher Abstammung“ war, 
zenau genommen, ganz verschieden von dem, was das Wort bedeutet. 
Abgesehen von allen verwandtschaftlichen Rücksichten können ver— 
schiedene Ursachen dazu beigetragen haben, daß die Kinder eher nach 
der Mutter als nach dem Vater benannt wurden. Besonders bei 
Wilden ist das Band zwischen Mutter und Kind viel stärker als jenes, 
welches das Kind an den Vater fesselt.) Sie hat es nicht nur ge— 
boren, sondern es auch Jahre hindurch an ihrer Brust getragen. Über— 
dies folgen im Falle einer Trennung, auf den niedrigeren Stufen der 
Civilisation ein häufiges Vorkommnis, die unmündigen Kinder immer 
der Mutter, und das gleiche ist sehr oft mit den im Alter vorge— 
schritteneren Kindern der Fall. Ist es mithin nicht natürlich, daß sie 
eher den Namen der Mutter annehmen als den des Vaters, den sie 
kaum kennen? Belt erzählt, daß die Männer und Weiber selbst der 
zum Christentum übertretenden niederen Volksschichten Nicaraguas oft 
ihre Gefährten wechseln und daß die in solchen Fällen bei der Mutter 
verbleibenden Kinder ihren Namen annehmen.?) Nach Swann über— 
trugen die Creeks die Häuptlingswürde den Nachkommen der weiblichen 
Linie, weil es unmöglich war, die männliche Abstammung zu verfolgen, 
da die Mütter nur ausnahmsweise von demselben Vater mehr als 
zwei Kinder hatten.) Und von den Chasias, einem der wenigen 
Stämme Indiens, bei denen die weibliche Geschlechtslinie in Kraft ist, 
berichtet Hooker, daß sie sehr lockere Begriffe von der Ehe haben, daß 
Scheidung und Frauenaustausch ganz allgemein üblich sind und nicht 
als schmachvoll erscheinen; „der Sohn vergißt deshalb oft den Namen 
i) Vergleiche Lubbock, S. 150 ff. 
) Belt, „The Naturalist in Nicaragua“, S. 322. 
) Schoolcraft, Band V, S. 273.
	        
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