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Full Text: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 1.1891

An den Leser. 
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Mechanismus des Bewusstseins, war in unserem Jahrhundert nicht beliebt: 
den Romantikern und Mystikern war sie abstossend; den Materialisten war 
sie ein metaphysisches Überlebsei; selbst den Freunden der Psychologie 
aber schien die Völkerpsychologie der falschen Vorstellung einer Volks¬ 
seele Vorschub zu leisten; und endlich hatte sie gar zu innige Freunde, 
welche sie darum für überflüssig erklärten, weil sie längst vorhanden sei 
und ihren Fortgang schon nehmen werde. Sie alle — ob sie uns gelesen 
und unsere Äusserungen geprüft haben? Gleichviel. Am ungeberdigsten 
hatten sich die letztgenannten Freunde gezeigt (Haupt, Scherer u. a.). 
Ich bemerke hier nur kurz: die Geschichtsforschung erweckt das 
Bedürfnis nach der Historik, die Interpretation und Kritik nach der Her¬ 
meneutik und der Theorie der Kritik, und niemals kann das eine das 
andere ersetzen. Durch das Studium eines Lehrbuches der Historik oder 
der Hermeneutik ist freilich noch niemand ein grosser Historiker oder 
Philologe geworden; aber jenes Studium bleibt darum doch, neben der 
Betrachtung vortrefflicher Musterleistungen der Meister, dem Anfänger sehr 
nützlich, ja unentbehrlich. — Aber auch wenn das nicht wäre: so ist doch, 
sollte ich meinen, eine Beobachtung der Maximen, welche unsere grossen 
Historiker und Philologen geleitet haben, und, noch tiefer gehend, eine 
Erforschung der Gesetze alles geistigen Geschehens, auf welche jene 
Maximen sich gründen, eine für sich bestehende und höchst anziehende 
Disziplin. 
Mit dem Namen Völkerpsychologie wollten wir nicht den Ruhm einer 
Erfindung oder auch nur einer Entdeckung erwerben, sondern nur auf 
ein erst wenig und planlos bebautes Gebiet hinweisen, das uns von weitem 
Umfange und, weil höchst fruchtbar, zur Kolonisation dringend empfehlens¬ 
wert schien. Wir haben die Hinweisungen bei W. von Humboldt, beim 
Geographen Carl Ritter u. s. w. emsig aufgesucht, und zu den damals 
aufgeführten Namen hätten wir heute nicht wenige neue hinzuzufügen; wir 
waren bemüht, zu zeigen, dass wir nichts Neues, nichts Unerhörtes wollten. 
Um in die Völkerpsychologie einzuführen, nahmen wir drei Ausgangs¬ 
punkte ein. 
Zuerst die Psychologie im üblichen Sinne. Vor einem Menschen- 
alter und darüber zurück konnte man meinen, die Psychologie sei eine 
philosophische Disziplin, und folglich gebe es soviel Psychologien als philo¬ 
sophische Systeme, und so gebe es denn auch eine Herb art sehe wie eine 
Hegeische u. s. w. Ich setze voraus, dass heute kein Leser mehr in 
diesem Irrtum befangen ist. Die Psychologie ist eine empirische Disziplin, 
nach Charakter und Prinzip so empirisch wie Physik und Physiologie. 
Dies prinzipiell festgestellt zu haben, ist das unvergängliche Verdienst 
Herbarts, das dadurch nicht verkümmert wird, dass er selbst seine 
Psychologie auf Metaphysik gegründet glaubte, und selbst sein missglückter 
Versuch, für die Bearbeitung derselben auch die Arithmetik zu Hilfe zu
	        
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