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Volltext: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 1.1891

yolkstümliche S chlaglichter. 
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lieh die Leidenschaft der Menschen in einzelnen Fällen einen Anlauf 
genommen hat oder noch immer nimmt, persönlich dem Rachegefühl nach¬ 
zugehen. Es erneuen sich eben mit jedem Geschlecht die natürlichen 
Triebe und werden nur durch das öffentliche Leben, bezw. die Erziehung, 
in gewisse Formen und Schranken zurückgedrängt. 
Aus diesem Umstand aber erwächst dem Völkerpsychologen bei seinen 
Forschungen die Aufgabe, zu den einzelnen Erscheinungen dieses oder 
jenes Volkstums überall Analogien in den ihn umgebenden Kreisen zu 
suchen, um den allgemein menschlichen Charakter, der sich in jenen aus¬ 
prägt, richtig zu verstehen und zu verwerten. 
Um noch ein analoges Beispiel des geschilderten Entwicklungsprozesses 
anzuführen, so treten ähnliche Phasen und Beziehungen wie bei der Blut¬ 
rache in der Entwicklung des Verhältnisses der Geschlechter zu einander, 
im Zusammenleben beider und in einer daran sich schliessenden Familien¬ 
gruppe, als der ersten dauernden Gemeinschaft von Menschen im gemein¬ 
samen Kampf um das Dasein hervor. Aus dem Natürlichen entwickelt 
sich auch hier erst mit der Zeit das Ideelle, der Begriff der Ehe als eines 
geistigen, Individuen verschiedenen Geschlechts für das Leben vereinenden 
Bandes. Wenn die Sinnenwelt es knüpft, so bauten die Bedürfnisse des 
Lebens allmählich das Verhältnis aus. Die tägliche Sorge für die Ernährung 
und für die Kleidung, deren Materialien der Mann herbeischafft, schufen 
die Stellung der Hausfrau, ebenso wie die Erziehung oder, genauer 
gesprochen, die allmähliche Verwendung der heranwachsenden Mitglieder 
der Familie im Dienst derselben die Herrschaft der Mutter weitete. 
Vir elio w hat vollständig recht, wenn er von diesem Standpunkt ausführt, 
dass erst beim Sässigwerden der Menschen „am Kochherd" die Kultur¬ 
aufgabe des Weibes für jene Zeiten zum vollen Ausdruck kam. 
Unseren ideeller gestimmten Zeiten klingen freilich solche Betrach¬ 
tungen zunächst fast unwürdig. Die erwähnten Verhältnisse haben aber, 
wenn sie gleich heutzutage nach den jetzigen Kulturzuständen mehr zurück¬ 
treten, nicht bloss immer noch ihre Analogien, sondern sogar noch immer 
eine gewisse reale Bedeutung, und in der Erkenntnis dieses Umstandes 
liegt der Beweis der Richtigkeit der angedeuteten anthropologischen Ent¬ 
wicklungstheorie, wie schon von Haus aus die Vergleichung mit der Gegen¬ 
wart im Einzelnen das Verständnis für die Verhältnisse überhaupt erschliesst. 
Wie die Jägervölker am Weibe vor allem schätzen, wenn sie gut die 
Felle zusammennähen und für die Kleidung sorgen kann, auch noch 
Homer für die Griechen es vor allem am Weibe preist, wenn sie des 
Webens wohl kundig ist, und wie bei den Ariern dann allgemein besonders 
am Herde sich die Tüchtigkeit der Frau weiter bewährt, ist es nicht nur 
in den Arbeiterkreisen bei uns auch noch heutzutage ein Hauptmoment 
in der Ehe, — über dessen Mangel nicht die schönsten Redensarten hinfort¬ 
helfen, — ob die Frau den Mann und die Kinder ordentlich „benäht", 
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