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Westphal-Hellbusch, Kleidung der Jat
Zu Stickerei II
Abb. 29 zeigt das gestickte Vorderteil eines Frauenkleides der Fakirani aus
Andhar/Kutch. Bei dieser Gruppe ist es üblich, das Vorderteil später in schwar
zen Stoff einzusetzen; da es sich um das Kleid einer Frau aus der führenden
Familie handelt, ist der Kleiderstoff in diesem Falle aus gekaufter Seide.
Abb. 30 zeigt ein noch nicht eingesetztes Vorderteil, wie es bei den Siai üblich
ist, einer den Fakirani benachbart wohnenden Gruppe in Khanot/Kutch. Ob
wohl beide Gruppen heute auch Land bestellen, fallen sie auf Grund ihrer
geschichtlichen Herkunft doch noch unter die Sammelbezeichnung „Maldari“,
Viehzüchter.
Man sieht auf den ersten Blick, daß die Muster dem gleichen Typus ange
hören, doch gibt es im einzelnen eine Reihe von Unterschieden. Auf Abb. 29
gibt es sieben weiße Halbkreise in der waagerecht abschließenden Borte, auf
Abb. 30 nur 5. Dementsprechend laufen in Abb. 29 auch vertikal 5 Muster
streifen parallel, in Abb. 30 nur 3. Die Zahl der Spiegelscheibchen, deren
Reihen parallel zum Halsausschnitt einsetzen, beträgt in Abb. 29 je 13, in
Abb. 30 5 bzw. 6. Die den Halsausschnitt umschließenden Borten unterscheiden
sich in der Musterung usw. Im großen und ganzen handelt es sich unverkennbar
um dieselbe Art der Stickerei, aber an den kleinen Unterschieden erkennen die
Frauen sehr bald, welcher Untergruppe die Trägerin des Kleides zugerechnet
werden muß.
Mit großer Wahrscheinlichkeit besaßen die einzelnen Muster früher eine
symbolische Bedeutung, ähnlich wie die der plastischen Verzierungen aus Lehm
an den Innenwänden der Häuser, die ebenfalls von den Frauen hergestellt
werden. Während aber einige Frauen die Bedeutung dieser Muster an den Wän
den noch kennen, ist sie für die Stickmuster verloren gegangen, bzw. haben wir
keine Frau gefunden, die darüber Auskunft geben wollte oder konnte. Von den
Nachbarn der Jat wird darauf hingewiesen, daß diese auffällig viel weiß als
Farbe verwenden, doch sind die auf den Fotos dunkel erscheinenden Farben in
leuchtendem, ungebrochenen Rot oder blau, andere Farben wie schwarz oder
grün werden nur sparsam verwendet. Heute kauft man das Stickgarn üblicher
weise auf den Märkten. Die Stiche selbst sind ziemlich flächendeckende Platt
oder Languettenstiche, die letzteren werden hauptsächlich zur Einfassung der
Spiegelscheibchen und zum Abschluß einer Borte oder eines Musterstreifens
verwendet.