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fullscreen: Anthropos, 24.1929

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Fritz Kern, 
licher Geschöpfe geboren zu werden. Denn der Luft Macht jagt , sie zum 
Meere, das Meer speit sie auf den Erdboden aus, die Erde zu den Strahlen 
der leuchtenden Sonne und diese wirft sie in die Wirbel der Luft. Einer nimmt 
sie vom andern auf, und allen sind sie verhaßt. Zu diesen gehöre jetzt auch 
ich, ein von Gott Gebannter und Irrender, da ich dem rasenden Streite 
vertraute 6G . 
Ich mußte diese Beispiele anführen, um zu zeigen, daß es griechische 
Denker gab, welche die indische Lehre in freier Weiterbildung ohne taurische 
Zusätze gelehrt haben. Auch die asketische Sittlichkeit, die zu den reinen 
indischen Lehren gehört, die Enthaltung vom Verzehren der Lebenskeime 
im Fleisch der Tiere, in Eiern, in Bohnen, hat mit den Reinheitsriten der 
Mysterienkulte nichts zu tun. Indes diese Seelenwanderungs-Erlösungslehre 
ist bei den Menschen griechischer Zunge stets mehr oder minder Fremdgut 
geblieben. Mochten sich daraufhin Sekten bilden wie die der Pythagoräer; 
griechische Massen haben sich nie für diese in einer exotischen Volksreligion 
wurzelnde Lehre erwärmen lassen. Etwas breiter aber wurde der Missions 
erfolg der Erlösungsreligion dadurch, daß sie sich mit der Mysterienreligion 
verbünden konnte. 
Sobald die Erlösungsreligion einmal in das Herrschaftsgebiet der tau 
rischen Glaubensüberlieferungen eingestrahlt war, konnte es nicht ausbleiben, 
daß die beiden Jenseitsreligionen sich wechselseitig anzogen und eine Syn 
these suchten. Auf Seite des Mysterienglaubens lag ein Anknüpfungspunkt 
in der Unterscheidung verschiedener Jenseitslose für Gläubige und Nicht- 
gläubige, wie etwa der homerische Demeterhymnus des 7. Jahrhunderts sagt: 
„Selig ist der Mensch, der die Weihen erschaut hat; wer aber uneingeweiht 
ist und unteilhaftig der Weihen, der wird nicht gleiches Los haben nach seinem 
Tode im dumpfigen Dunkel des Hades 66 67 .“ Eine weitere Vorbereitung für 
die Aufnahme der Erlösungsaskese leisteten die Reinigungsvorschriften der 
Mysterienkulte, die allerdings wesentlich kultisch-magisch aufgefaßt wurden, 
d. h. Geweihten das Vorzugsjenseits möglichst automatisch in Aussicht 
stellten, immerhin aber Läuterung bezweckten und auch schon durch den 
Ausschluß schwerer Verbrecher von den Weihen eine gewisse sittliche Würdig 
keit zur Voraussetzung machten. Bot die Mysterienreligion so einige An 
knüpfungspunkte für den Erlösungsglauben, so füllte dieser umgekehrt mit 
dogmatischer Schärfe eine Lücke aus, die die taurische Unklarheit über die 
sittlichen Maßstäbe und Urteile des Totengerichtes gelassen hatte. Der Kreis 
lauf der Geburten, das umschwingende „Rad“ des Schicksals als Purga 
torium und als tiefster Ort auf dem Stationenweg der Bußen die fürchterliche 
Hölle: dieser Aufschluß über die Geschicke des Menschen nach dem Tod 
ergänzte die unbestimmtere Gottesteilhabe der Mysterien so adäquat, daß 
66 Übersetzung Diels, wie auch bei Anaximander. Zur Lehre vgl. G. Davis, 
The asiatic Dionysos (1914), 32. 
07 A. Dieterich, Nekyia (1913), 64. Dieser Gedanke ist altes Mysteriengut; der 
weitere Satz, daß, wer Kore nicht durch Opfer und Gaben ehrt, allezeit Buße leiden müsse, 
könnte schon unter dem Einfluß der Samsara-Bußlehre stehen.
	            		
Die Welt, worein die Griechen traten. 215 gerade in dem Kreis geistig aktiver Mysterienbrüder die willigsten Rekruten für die neue Lehre zu finden sein mußten. So kam unter dem Antrieb der Versittlichungs- und Erlösungswoge jene Reform der Mysterienfrömmigkeit zustande, die im Zeichen der orphi- sehen Lehre weitere Kreise ergriff als die bloße Samsaralehre der Philo sophen. „Ich habe die Buße für Unrechte Taten bezahlt“, das ist die Beichte der gereinigten Orphikerseele, wenn sie zum Totenrichter eingeht und end gültige Befreiung von dem Geburtenkreislauf in himmlischer Rast erhofft. Denn zur Buße einer Schuld war sie, das göttliche Kind von Himmel und Erde, in den sterblichen Leib gebannt. Aber die Reisepässe, die sich die orphi- schen Griechen Unteritaliens ins Grab mitgeben ließen, enthielten auch einen zweiten Gedanken, der zu der indischen Doktrin die alte taurische fügt: „Heil dir, daß du im Tod einen Wechsel erlitten hast, den du nie vorher littest: vom Menschen bist du Gott geworden.“ Der Gestorbene und Erlöste wird als Zicklein bezeichnet, wie Dionysos, der als Zicklein sakramental verzehrt wurde: der im Jenseits wiedergeborene Myste ist vergottet durch das Medium des auferstehenden Mysteriengottes. Da haben wir die tunlichst lückenlose Verschweißung der beiden Religionen, von denen die taurische dabei eine klarere und sittlichere Eschatologie und die indische ein tiefeingewurzeltes, fertiges und wohlakkreditiertes Kultwesen hinzugewann. Der sagenhafte Gründer des neuen Reformmysteriums, Orpheus, ist eine Abzweigung des Mysteriengottes, insonderheit des damals bei Griechen lebensvollsten, des Dionysos. Seine Hadesfahrt, sein Tod durch Zerrissen werden und anderes besagen das überdeutlich; jedoch ist der angebliche Stifter Oipheus, nach dem sich der Erlösungsorden zu nennen behauptete, nicht eigentlicher Gott geworden oder doch nur in dem Sinn, wie auch der Myste duich Eilösung zum Gott wird. Der eigentliche Gott blieb Dionysos, erhielt aber als Heu des Ei lösungsmysteriums den Namen Lyseus, „Löser“. In der indischen Glaubenslehre gab es keinen eigentlichen Erlösergott; der Gläubige, im Besitz der richtigen Anweisung, erlöst sich selbst durch rechtes Verhalten. Die sittlich kämpfende Persönlichkeit hatte hier das Götter wesen praktisch überwunden. Dieser neue Impuls der indischen Erlösungs askese, des Yoga, geht im Westen nicht ganz verloren, wird aber bei der Taurisierung im orphischen Erlösungsmysterium wesentlich abgeschwächt. Der Gläubige erhält mehr Hilfen, kann sich mehr passiv verhalten, auch seine asketische Leistung neigt dazu, auf Reinheits- und Speisevor schriften einzuschrumpfen. Wenn also die orphische Reform zwar für die Mysterienreligion eine Vertiefung und Versittlichung brachte, so wurde in ihr doch anderseits die Erlösungsreligion popularisierend verflacht. Die eigentliche Samsaralehre blieb esoterische Kunde für Denkende, die einer fremden Weisheit folgend die Kraft hatten, sich vom Volksglauben zu lösen, aber die taurisierte Mischlehre der Orphiker konnte immerhin breitere Kreise erfassen, vor allem in Unteritalien und Attika. Freilich war sie in ihrer Mittel stellung immer noch zu fein und zu geistig, um die gröberen Götter- und Mysterienkulte zu verdrängen. Sie blieb eine Religion der Halbbildung, wie die Samsaralehre eine Religion der hohen Intellektuellen. Die
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