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Fritz Kern,
licher Geschöpfe geboren zu werden. Denn der Luft Macht jagt , sie zum
Meere, das Meer speit sie auf den Erdboden aus, die Erde zu den Strahlen
der leuchtenden Sonne und diese wirft sie in die Wirbel der Luft. Einer nimmt
sie vom andern auf, und allen sind sie verhaßt. Zu diesen gehöre jetzt auch
ich, ein von Gott Gebannter und Irrender, da ich dem rasenden Streite
vertraute 6G .
Ich mußte diese Beispiele anführen, um zu zeigen, daß es griechische
Denker gab, welche die indische Lehre in freier Weiterbildung ohne taurische
Zusätze gelehrt haben. Auch die asketische Sittlichkeit, die zu den reinen
indischen Lehren gehört, die Enthaltung vom Verzehren der Lebenskeime
im Fleisch der Tiere, in Eiern, in Bohnen, hat mit den Reinheitsriten der
Mysterienkulte nichts zu tun. Indes diese Seelenwanderungs-Erlösungslehre
ist bei den Menschen griechischer Zunge stets mehr oder minder Fremdgut
geblieben. Mochten sich daraufhin Sekten bilden wie die der Pythagoräer;
griechische Massen haben sich nie für diese in einer exotischen Volksreligion
wurzelnde Lehre erwärmen lassen. Etwas breiter aber wurde der Missions
erfolg der Erlösungsreligion dadurch, daß sie sich mit der Mysterienreligion
verbünden konnte.
Sobald die Erlösungsreligion einmal in das Herrschaftsgebiet der tau
rischen Glaubensüberlieferungen eingestrahlt war, konnte es nicht ausbleiben,
daß die beiden Jenseitsreligionen sich wechselseitig anzogen und eine Syn
these suchten. Auf Seite des Mysterienglaubens lag ein Anknüpfungspunkt
in der Unterscheidung verschiedener Jenseitslose für Gläubige und Nicht-
gläubige, wie etwa der homerische Demeterhymnus des 7. Jahrhunderts sagt:
„Selig ist der Mensch, der die Weihen erschaut hat; wer aber uneingeweiht
ist und unteilhaftig der Weihen, der wird nicht gleiches Los haben nach seinem
Tode im dumpfigen Dunkel des Hades 66 67 .“ Eine weitere Vorbereitung für
die Aufnahme der Erlösungsaskese leisteten die Reinigungsvorschriften der
Mysterienkulte, die allerdings wesentlich kultisch-magisch aufgefaßt wurden,
d. h. Geweihten das Vorzugsjenseits möglichst automatisch in Aussicht
stellten, immerhin aber Läuterung bezweckten und auch schon durch den
Ausschluß schwerer Verbrecher von den Weihen eine gewisse sittliche Würdig
keit zur Voraussetzung machten. Bot die Mysterienreligion so einige An
knüpfungspunkte für den Erlösungsglauben, so füllte dieser umgekehrt mit
dogmatischer Schärfe eine Lücke aus, die die taurische Unklarheit über die
sittlichen Maßstäbe und Urteile des Totengerichtes gelassen hatte. Der Kreis
lauf der Geburten, das umschwingende „Rad“ des Schicksals als Purga
torium und als tiefster Ort auf dem Stationenweg der Bußen die fürchterliche
Hölle: dieser Aufschluß über die Geschicke des Menschen nach dem Tod
ergänzte die unbestimmtere Gottesteilhabe der Mysterien so adäquat, daß
66 Übersetzung Diels, wie auch bei Anaximander. Zur Lehre vgl. G. Davis,
The asiatic Dionysos (1914), 32.
07 A. Dieterich, Nekyia (1913), 64. Dieser Gedanke ist altes Mysteriengut; der
weitere Satz, daß, wer Kore nicht durch Opfer und Gaben ehrt, allezeit Buße leiden müsse,
könnte schon unter dem Einfluß der Samsara-Bußlehre stehen.
Die Welt, worein die Griechen traten.
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gerade in dem Kreis geistig aktiver Mysterienbrüder die willigsten Rekruten
für die neue Lehre zu finden sein mußten.
So kam unter dem Antrieb der Versittlichungs- und Erlösungswoge jene
Reform der Mysterienfrömmigkeit zustande, die im Zeichen der orphi-
sehen Lehre weitere Kreise ergriff als die bloße Samsaralehre der Philo
sophen. „Ich habe die Buße für Unrechte Taten bezahlt“, das ist die Beichte
der gereinigten Orphikerseele, wenn sie zum Totenrichter eingeht und end
gültige Befreiung von dem Geburtenkreislauf in himmlischer Rast erhofft.
Denn zur Buße einer Schuld war sie, das göttliche Kind von Himmel und
Erde, in den sterblichen Leib gebannt. Aber die Reisepässe, die sich die orphi-
schen Griechen Unteritaliens ins Grab mitgeben ließen, enthielten auch einen
zweiten Gedanken, der zu der indischen Doktrin die alte taurische fügt: „Heil
dir, daß du im Tod einen Wechsel erlitten hast, den du nie vorher littest: vom
Menschen bist du Gott geworden.“ Der Gestorbene und Erlöste wird als
Zicklein bezeichnet, wie Dionysos, der als Zicklein sakramental verzehrt
wurde: der im Jenseits wiedergeborene Myste ist vergottet durch das Medium
des auferstehenden Mysteriengottes. Da haben wir die tunlichst lückenlose
Verschweißung der beiden Religionen, von denen die taurische dabei eine
klarere und sittlichere Eschatologie und die indische ein tiefeingewurzeltes,
fertiges und wohlakkreditiertes Kultwesen hinzugewann.
Der sagenhafte Gründer des neuen Reformmysteriums, Orpheus, ist
eine Abzweigung des Mysteriengottes, insonderheit des damals bei Griechen
lebensvollsten, des Dionysos. Seine Hadesfahrt, sein Tod durch Zerrissen
werden und anderes besagen das überdeutlich; jedoch ist der angebliche
Stifter Oipheus, nach dem sich der Erlösungsorden zu nennen behauptete,
nicht eigentlicher Gott geworden oder doch nur in dem Sinn, wie auch der
Myste duich Eilösung zum Gott wird. Der eigentliche Gott blieb Dionysos,
erhielt aber als Heu des Ei lösungsmysteriums den Namen Lyseus, „Löser“.
In der indischen Glaubenslehre gab es keinen eigentlichen Erlösergott;
der Gläubige, im Besitz der richtigen Anweisung, erlöst sich selbst durch
rechtes Verhalten. Die sittlich kämpfende Persönlichkeit hatte hier das Götter
wesen praktisch überwunden. Dieser neue Impuls der indischen Erlösungs
askese, des Yoga, geht im Westen nicht ganz verloren, wird aber bei der
Taurisierung im orphischen Erlösungsmysterium wesentlich abgeschwächt.
Der Gläubige erhält mehr Hilfen, kann sich mehr passiv verhalten, auch
seine asketische Leistung neigt dazu, auf Reinheits- und Speisevor
schriften einzuschrumpfen. Wenn also die orphische Reform zwar für die
Mysterienreligion eine Vertiefung und Versittlichung brachte, so wurde in
ihr doch anderseits die Erlösungsreligion popularisierend verflacht. Die
eigentliche Samsaralehre blieb esoterische Kunde für Denkende, die einer
fremden Weisheit folgend die Kraft hatten, sich vom Volksglauben zu lösen,
aber die taurisierte Mischlehre der Orphiker konnte immerhin breitere Kreise
erfassen, vor allem in Unteritalien und Attika. Freilich war sie in ihrer Mittel
stellung immer noch zu fein und zu geistig, um die gröberen Götter- und
Mysterienkulte zu verdrängen. Sie blieb eine Religion der Halbbildung,
wie die Samsaralehre eine Religion der hohen Intellektuellen. Die