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Full Text: Globus, 13.1868

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Aus allen Erdtheilen . 
unbeschad et der ihm von feigen Schm eich ler» verschwen - derisch ertheilteit Prädicate : „ edles , braves , intelli - geilt es ic . Volk " erfolgreiche Spitzbube» ebenso hoch achtet , wie es die verdienstvollsten und redlichsten Man - ner achten — sollte , so lange wird int Staatsleben die Gaunerei Trumpfs ein . " 
— Neber den Mißbrauch geistiger Getränke in Ruß - land hat der Hospitaloberarzt Dr . Hermann in St . Peters - bürg im Vereine der dortigen deutschen Aerzte einen Vortrag gehalten , welchem die folgenden Angaben entlehnt sind . 
„ Schon iiil 17 . Jahrhundert bezog die russische Regierung einen guten Theil ihrer Staatseinkünfte aus dem Handel mit geistigen Getränken . Aber erst seit dein Jahre 1749 find die näheren Angaben über die Nettoeinkünfte vom Branntwein aus den großrussischen Provinzen vorhanden ; sie betrugen damals 1 , 786 , 955 Rubel , fünfzig Jahre später bereits 12 , 752 , 119 R . , nach abermals fünfzig Jahren ( 1849 ) schon 38 , 582 , 944 R . , 1859 74 , 171 , 015 R . und im Budget pro 1866 figurirt die Branntweinsteuer mit 1155 / 6 Mill . R . S . Der stetige Aufschwung bei einer langsam anwachsenden Bevölkerung läßt sich nur durch einen größern Verbrauch erklären . Daß ein sol - cher Aufschwung des Branntweinhandels einen verderblichen Ein - fiuß auf die Bevölkerung ausüben mußte , unterliegt keinem Zweifel , auch fehlte es nicht an Vorschlägen und Versuchen , ihn zu schränken , von Seiten der Regierung sowohl wie von Privaten ; sie scheiterten aber an dem Widerstande des Volkes und der Ge - fahr für die Finanzen . Die Steuer macht in Rußland 46 Pro - ceut Brutto sämmtlicher Staatseinnahmen , in England 24 Prot . , in Schweden ititd Norwegen 24 Proc . , in Oesterreich 10 Proc . , in Frankreich 9 Proc . und in Preußen 6 Proc . aus . Durch - schnittlich trinkt jeder Mensch in Rußland so viel Branntwein , daß er davon dem Staate einen Nettogewinn von 2 R . 18 K . im Jahre einträgt . Dieser Tribut ist natürlich in den größeren Städten bedeutender als auf dem Lande ; in Petersburg reprä - sentirt jeder männliche Bewohner einen jährlichen Nettotribut für Accise im Betrage von 16 R . 55 K . , in Moskau 11 R . 79 K . , in Orenburg dagegen nur 1 R . 88 K . Jeder Einwohner männ - lichen und weiblichen Geschlechts und jedes Alters trank durch - schnittlich im Jahre 1859 in Petersburg 1 , 68 , in Moskau 1 , 07 , in Orenburg , der mäßigsten Stadt des Reiches , 0 , 25 Eimer Branntwein . 
In Petersburg kamen im Jahre 1859 auf 539 , 475 ner 1840 Branntweinschenken , d . h . 293 Einwohner beiderlei Geschlechts mußten eine Schenke ernähren . Diesen müssen noch 299 Weinkeller , 563 Tracteure , 399 Porterbuden , 108 Lager ( Stosbnden ) und 99 Keller , welche alle gleichfalls Branntwein verkaufen , hinzugezählt werden . Diese ganze Ziffer begreift nur die Stadt selbst in sich . Die geringste Anzahl Bra»»twei»schen - ken kommt aus den Admiralitäts - ( 56 ) und die größte auf den Moskauer Stadttheil ( 266 ) . Diese Zahlen sprechen dafür , daß Branntweinschenken zu unseren lucrativsten Unternehmungen ge - hören , doch ist zu bezweifeln , daß alle schmutzigen Winkelschenken bei ehrlichem Betriebe ihre Rechnung finden können . 
Jedenfalls muß ihre Unzahl , selbst bei guter Waare und gewissenhaftem Betriebe , das Mark der Bevölkerung aussaugen und Arbeit wie Wohlstand , Sitte wie Gesundheit zu Grunde rich - teil . Auch hat das Volk selbst über die ungewöhnliche Zahl Plötz - liehet Erkrankungen und Todesfälle bereits nachzudenken begonnen und ihre Ursache in Verfälschung des Branntweins mit schar - feu und betäubenden Stoffen gesucht ; mit Unrecht , da die ersten den Geschmack beleidigen , die letzten eine vorzeitige Betäubung hervorrufen , beide mithin dem Interesse der Händler zuwiderlaufen . Nicht die schlechtere Waare , sondern die durch Concurrenz stärker 
und billiger gewordene Waare und deren größerer Verbrauch be - dingen die raschere und heftigere Wirkung des Branntweins . 
Um diese Wirkung in einem Bilde aus der Vogelperspective darzustellen , geben wir hier noch die Ziffern sämmtlicher an acu - teni Säuferwahnsinn in den Privat - und öffentlichen Hospitälern der Stadt Petersburg im Jahre 1863 Behandelten . Man möge darüber aber auch die Zahl der häuslichen Kranken nicht ver - gessen . Ferner sind diese Hospitalkranken respektvoll nach . Stand und Rang geordnet , damit jeder Leser seine etwaigen College» herausfinden und — sich wie jener Pharisäer voll Bewußtsein an die Brust schlagen kann . Diese Gesammt - ziffer für alle Hospitäler betrug 297 Individuen . Darunter be - fanden sich 107 Beamte in und außer Dienst , 99 Handwerker und Kleinbürger , 32 Tagelöhner , 19 Kleinhändler , 8 verabschie - dete Offiziere , 5 Künstler , 5 Kutscher , 5 Kaufleute und deren Söhne , 5 Schauspieler , 5 Lohndiener , 3 mit unbestimmter schäftigung , 2 verabschiedete Soldaten , 1 Arzt und 1 Lehrer . Diese trocknen statistischen Zahlen liefern de» Beweis , daß nicht der gemeine , jeder Bildung bare Pöbel das Hauptcontingent liefert , sondern der kleine in und außer Dienst befindliche Beamte , also eine relativ gebildete Elasse alle übrigen überflügelt . Seit also der Branntwein billiger geworden , seit die Accise verrin - gert worden , ist nicht dem Bauer und Tagelöhner , dessen Lohn mit dem steigenden Preise des Lebens Schritt hält , der also auch den theuerern Branntwein bezahle» konnte , nein , dem kleine» , auf einen festen Sold oder solche Pension angewiesene» te» u»d kleinen Handwerker der billigere Trunk zu Gute ge - kommen . " 
— Der philosophische König von Siam hat amtlich eine Liste drucke» lassen , in welcher die Kinder seiner Familie aufge - zählt werde» , mit Geburtstag , Name» : c . Seine Majestät hat bis Dato 81 Kinder erzielt ; das älteste wurde 1823 , das jüngste 1868 geboren . Von der Totalsumme befinden sich 66 Prinzen lind Prinzessinnen am Leben . Der im vorigen Jahre verstorbene zweite König ( Sia»l hat bekanntlich einen Ober - und einen benkönig ) hat es im Ganzen nur bis zu 63 Sprößlingen ge - bracht ; davon sind 30 ani Leben . 
— Die nordamerikanische Dampfereompagnie , welche bisher den Transit durch Nicaragua besorgte , wird diese Linie ausgeben ; sie hat sich als zu unbequenl herausgestellt . Sie will statt derselbe» eiue solche zwischen Neuyork und Aspinwall - Panama einrichten lind in jedem Mo»ate zweimal fahren . Auf denl Jsth - mus von Panama wird sehr darüber geklagt , daß dort seit Mo - naten eine ganz ungewöhnliche Menge der gefährlichsten Menschen aus Nordamerika sich gleichsam ein Stelldichein gegeben hätte» und großen Unfug verüben . „ Wir haben schon übergenug an unsernl schwarzen und Mischlingspöbel und »»» werden wir noch mit Schaaren weißer RowdieS und Verbrecher gesegnet , die viel gefährlicher sind als jene . " 
— Selbst am Kaukasus war es ini Innern der Erde un - ruhig . Zu Tiflis in Georgien wurde am 6 . Februar Abends 8 Uhr 39 Minuten ein Erdbeben verspürt . 
— Zu Hamburg in Südcarolina wurden am 28 . Mai sechs weiße Bürger von Seiten der Militärbehörde verhaftet . Die Neger in jenem Städtchen hatten sich in den Kopf gesetzt , eine politische Versammlung in einer Kirche zu halte» , die anderen Leuten gehört . Dagegen erhoben dann jene Sechs Einsprache . Negern in einer fremden Kirche das Abhalten einer politischen Versammlung zu verbiete» , das zeugt vo» Rebellionsgelüsten , und deshalb ließ der Unionsmilitärsatrap Ge - »erat Eanby jene Sechs beim Kragen nehmen , um siebenter zu Gericht sitzenden Militärcommission zu überweisen . Man nennt dergleichen i» Nordamerika „ Freiheit " . 
Herausgegeben von Karl Andrcc i» Dresden . — Für die Redactio» verantwortlich : H . Vieweg i» Braunschweig , Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn in Braunschweig .
	        
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