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Full Text: Globus, 72.1897

GLOBUS. 
ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT FÜR LÄNDER- und VÖLKERKUNDE. 
VEREINIGT MIT DER ZEITSCHRIFT „DAS AUSLAND“. 
HERAUSGEBER: Dr. RICHARD ANDREE. VERLAG von FRIEDR. VIEWEG & SOHN. 
Bd. LXXII. Nr. 13. 
BRAUNSCHWEIG. 
2. Oktober 1897. 
Nachdruck nur nach Übereinkunft mit der Verlagshandlung gestattet. 
Vegetationsskizze Mittelrufslands. 
Botanische Notizen von der Reise zum internationalen medicinischen Kongrefs in Moskau. 
Angnst 1897. 
Von Dr. Ernst H. L. Krause. 
Wenn man von Thorn aus die russische Grenze über 
schreitet, bekommt man alsbald durch die Ortschaften 
fremdartige Eindrücke. Ich will davon absehen, dafs 
alle Aufschriften nicht nur in fremder Sprache, sondern 
auch in fremden Buchstaben erscheinen. Geht man von 
dem preufsischen Dorfe Leibitsch über die Drewenz in 
das gleichnamige russisch - polnische, so trifft man statt 
der krummen, winkelig aufeinanderstofsenden Gassen 
drüben eine einzige breite Strafse, zu deren beiden 
Seiten die Häuser eines neben dem anderen stehen — 
ein typisches slavisches Strafsendorf. Hüben sind 
steinerne, drüben hölzerne Bauten. Überschreitet man 
die Grenze auf dem linken Weichselufer, so erreicht man 
(mit der Eisenbahn über Alexandrow) das Soolbad Zie- 
chozinek, wo zwar das Hotel, die Saline und die ganzen 
Kuranlagen nicht mehr Eigenartiges bieten, wie jeder 
andere Badeort auch, aber unmittelbar daneben die pol 
nischen Juden im langen Kaftan, mit Ringellocken, 
schmutzig und in elenden Hütten hausend, das ist 
wieder etwas völlig Fremdes für uns. Weder an der 
dänischen, noch an der französischen, noch an der 
schweizer oder österreichischen Grenze ist der Unter 
schied zwischen hüben und drüben so augenfällig. 
Weiterhin ostwärts in Grofsrufsland erinnern die 
elenden, kleinen, strohgedeckten Holzhütten weit mehr 
an afrikanische als an europäische Niederlassungen. Erst 
in der Nähe von Moskau schauen öfter freundliche, 
saubere Holzhäuser aus dem Walde heraus, Sommer 
wohnungen (Datschen) der wohlhabenden Städter. 
Von den passierten Städten macht Warschau auf 
den Yorbeifahrenden im allgemeinen einen europäischen 
Eindruck, wenn es auch sonderbar erscheint, dafs die 
sehr zahlreichen Windmühlen, welche die Grofsstadt 
umgeben, alle primitiv in Holz ausgeführt sind. Auch 
das Ödeliegen ansehnlicher Strecken sandigen Bodens 
erweckt hinsichtlich der Intensität der Kultur keine 
gute Meinung — aber vor 20 Jahren sah es um Berlin 
nicht besser aus. 
Smolensk mit seiner alten altertümlichen Mauer hat 
mich schon lebhaft an vernachlässigte marokkanische 
und türkische Festen erinnert. 
Moskau ist ganz eigenartig. Die Überzahl von 
Klöstern, Kirchen und Kapellen jeder Gröfse, die auffällige 
Ehrung der heiligen Bilder ruft die Erinnerung wach 
an die Schilderungen, welche uns von dem Aussehen 
Globus LXXII. Nr. 13. 
deutscher Städte im 15. Jahrhundert überliefert sind. 
Kaum giebt es eine kleine Strafse, die nicht mehrere 
Andachtsorte aufweist, dagegen sind weltliche Denk 
mäler fast gar nicht vorhanden, mir sind überhaupt nur 
zwei Standbilder (Minin-Posharski und Puschkin) 
aufgefallen. Auch grofse, ungepflasterte, schmutzige 
Höfe und manches andere erinnert an Zeiten, welche die 
westlichen Grofsstädte überwunden haben, während auf 
der anderen Seite auch manche moderne Einrichtungen 
Eingang gefunden haben, und namentlich die profane 
Malerei sich in der Tretjakowschen Sammlung der aller 
anderen europäischen Völker ebenbürtig zeigt. 
Entsprechend den Wohnorten der Menschen erscheint 
auf der durchfahrenen Strecke auch die Vegetation, 
welche ja so sehr vom Menschen abhängt, im Vergleich 
mit derjenigen Deutschlands archaistisch. — Das 
Wort „Vegetation“ gebrauche ich hier in dem Sinne, 
welcher ihm neuerdings von vielen Botanikern unter 
gelegt ist, und bezeichne damit das Bild, welches die 
Pflanzen durch ihr Zusammenleben in der Landschaft 
erzeugen. — Die Flora dagegen — d. h. die Liste 
der im Lande vorkommenden Pflanzenarten — ändert 
sich von Berlin bis Moskau kaum nennenswert. Von 
der Grenze bis zum Gouvernement Sjedlez ändert sich 
der Charakter des Ackerlandes noch wenig, und in der 
Nähe Warschaus wird durch grofse Kohlfelder eine 
intensivere Ausnutzung des Bodens bemerkbar. Die 
zahlreichen Wälder bestehen überwiegend aus Kiefern, 
östlich von Mrosy wird daneben die Fichte auffällig. Im 
Vergleiche mit den Nadelwäldern der deutschen Grenz 
provinzen fällt das starke Unterholz in die Augen, auch 
sind nicht selten aufser Birken und Espen noch ansehn 
liche harte Hölzer, namentlich Eichen, dem Nadelwalde 
beigemischt. Gegen Osten wird die Linde häufig. Auf 
Kahlschlägen sind Samenbäume, in der Regel Kiefern, 
stehen gelassen. Stellenweise sieht man diese Baumart 
durch den als Waldgärtner bekannten Käfer, Hylesinus 
piniperda, verunstaltet. Östlich von Brest-Litowsk, wo 
das eigentliche Rufsland beginnt, wird die landwirt 
schaftliche Benutzung und Ausnutzung des Bodens eine 
augenfällig geringere und extensivere. Das Ackerfeld 
ist in lange, ganz unverhältnismäfsig schmale Streifen 
eingeteilt. Die herrschende Feldgemeinschaft auf nicht 
bonitiertem Boden gestattet eben nur bei solcher Flur 
einteilung eine unanfechtbar gerechte Verteilung der 
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