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Full Text: Globus, 77.1900

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Friedrich v . Vincenz : Ein Besuch auf der Insel Teios . 
Ein Besuch auf der Insel Telos . 
Von Friedrich v . Vincenz , Smyrna . 
Abseits der Postdampferlinie Rhodus—Smyrna , etwa 80 km westlich der Stadt Rhodus , liegt die Insel Telos , heute Tilos oder italienisch Piscopi , einsam und verlassen in der blauen Flut des Ägäischen Meeres . Kein dampfer , kein Handelsdampfer läfst je seinen Anker vor Telos fallen , und selbst die Verbindung durch Segler 
nach Symi oder Rhodus hin ist spärlich , nur dem gendsten Bedürfnisse angemessen . 
Das Eiland selbst ist stark gebirgig und , wie die meisten Inseln des Ägäischen Meeres , kahl , von jener bemitleidenswerten Kahlheit , die den aufmerksamen und naturliebenden Reisenden in diesen Gegenden — die Küste nicht ausgeschlossen — auf die Dauer zur Verzweiflung bringt . Man sucht den täglich sich immer wieder aufdrängenden Vergleich : was mufs dieses Land im Altertume bei reicher Bewaldung für ein wahres Paradies gewesen sein , und was ist es heute ? Vor uns steht ein kahles Eiland , eine kahle Küste , zeugend von 
stets wachsender Verwahrlosung und orientalischer dolenz . 
Ein gröfseres und ein kleineres Thal bieten allein Gelegenheit und Möglichkeit zur Bodenkultur , sonst ist Berg und Hang und Halde kahl , und nur im Frühjahre von Herden von Bergziegen bevölkert , deren scher „ Gaisbub“ sich die Zeit mit der Rohrpfeife vertreibt , die heute noch dieselbe Form aufweist , wie sie im klassischen Altertume als Attribut des Pan verbildlicht wurde ( mehrere stücke von verschiedener Länge , durch ein Querholz festgehalten ) . 
Die beiden Thäler zeugen von einer sehr tiefgehenden Bodenkultur , bei der auch das kleinste benutzbare Fleckchen nicht vergessen wurde . Gerste , Feigen , Mandeln und Nüsse sind die Hauptkulturen , dazwischen Ölbäume , Aprikosen und Pfirsiche . Gerste und Oliven dienen dem Haus - bedarfe für Brot und Öl , während in Mandeln und Nüssen eine kleine fuhr besteht . Jüdische Händler kaufen alljährlich für Spottpreise die teten Mandeln und Nüsse auf . Mühe und Arbeit verbleibt den armen , flei - fsigen Tiloten , der Gewinn den spanio - lischen Juden von Rhodus . 
Die Bevölkerung der Insel ist durchaus griechisch , und aufser dem Memour ( kleiner Regierungsbeamter ) dürfte sich wohl kein zweiter mann auf der ganzen Insel befinden . Die Bevölkerungsziffer erreicht nicht 1000 . An Ortschaften ist nur der eigentliche Flecken Telos im westen und noch ein kleiner Weiler im Westen der Insel zu nennen . Das Städtchen Telos liegt gute 20 nuten vom Meere am Berghange , das fruchtbare Thal zu seinen Füfsen . Der Flecken ist ärmlich und ganz talisch mit flachen Dächern gebaut . Die Strafsen sind so eng , dafs man dieselben sehr bequem von Dach zu Dach mit einem Brette überbrücken kann . Will man also vom Dache aus zu seinem Nachbar über die Stralse , so legt man einfach das Brett zum Nachbardache und spart sich so doppelt das Treppensteigen . 
Hinter dem Städtchen steigt der Fels jäh zu einem einsamen Bergkegel auf , dessen enger Gipfel von den Resten eines genuesischen Kastells gekrönt ist . 
Da die Bodenkultur der Insel zu beschränkt ist , um die ganze Bevölkerung zu ernähren , so geht im jahre ein grofser Teil der männlichen Bevölkerung nach der anatolischen Küste hinüber , um dort als Feldarbeiter dürftigen Erwerb zu finden . Ist im Herbste die Ernte eingebracht , so kehren die Leute in die Heimat zurück , um den Winter bei den eigenen Penaten zu verträumen . Auch ein Teil der weiblichen Bevölkerung folgt dem Beispiele der Männer . So findet man auf den benach - 
Frauen von Telos in alter Tracht . Originalphotographie des Verfassers .
	        
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