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Inhalt / Download : Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 11=26.1983

Besprechungen 
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sie ihre Freizeit verbringen, wie sie miteinander umgehen“ (S. 8 f.). Dabei verzichten die Autoren 
bewußt auf eine Zergliederung der Arbeiterkultur in die sie tragenden Organisationen, sondern sie 
beziehen sich auf die verschiedenen Lebens bereiche des Proletariats. In thematischen Komplexen 
erfassen sie die Arbeitswelt einschließlich der depravierenden Wirkungen der Arbeitslosigkeit sowie 
den alltäglichen Konsum und die ökonomischen Kämpfe um bessere Arbeits- und Lebensbedingun 
gen. Dokumentiert werden die vielfältigen Aktivitäten der Sozialistischen Bildungszentrale, der 
Arbeiterbüchereien und der Sozialdemokratischen Kunststelle zur Förderung des geistig-kulturellen 
Lebens, zur sozialistischen Erziehung und zur Entwicklung einer sozialistischen Fest- und Feier 
kultur der Arbeiterschaft. Andere Abschnitte sind Sport und Körperkultur, der Frauen- und Jugend 
bewegung sowie einzelnen Arbeiterkulturorganisationen wie etwa dem Freidenkerbund gewidmet, 
die auf unterschiedlichen Ebenen spezifisch proletarische Normen, Ideale und Verhaltensweisen aus 
zuprägen suchten. Jeder dieser Abschnitte ist mit einer kurzen Einleitung versehen. 
Dieses Herangehen könnte vorbehaltlos begrüßt werden, folgten die Autoren nicht gleichzeitig 
kritiklos dem offen reformistischen bzw. austromarxistischen Kulturverständnis der damaligen öster 
reichischen Sozialdemokratie, die an die Stelle der sozialen und politischen Revolution der Arbeiter 
klasse das illusionäre Ziel setzte, schon innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft den „neuen Men 
schen“ (Max Adler) herauszubilden und vorwegzunehmen. Von daher war es nur konsequent, den 
Kampf der Arbeiterbewegung auf einen „Kulturkampf“ (S. 9) zu reduzieren, einen Kampf gegen 
überlebte bürgerliche Traditionen und Denkweisen, für solidarische und neue geistig-kulturelle 
Lebensformen, die den Idealen und Hoffnungen der Arbeiterklasse entlehnt waren und auf eine 
evolutionäre Wandlung der bestehenden Gesellschaft von innen heraus zielten. 
Indem die Autoren den „politischen Spannungen“, die 1934 infolge der Kompromißpolitik der 
SDAP zur Niederlage der Arbeiterbewegung führten, den Anschein von höherer Gewalt verleihen, 
versuchen sie die Jahre der Ersten Republik als eine „Zeit des Aufbruchs“ zu charakterisieren, die, 
unterbrochen vom Faschismus, in den heutigen österreichischen Staat einmünde. Die Dokumentation 
der imposanten sozialen und kulturellen Errungenschaften, die die österreichische Arbeiterbewegung 
und namentlich das „Rote Wien“ in den zwanziger Jahren erkämpft hatten, geht einher mit der 
Glorifizierung des Reformismus und austromarxistischen Zentrismus, die beide auf eine Integration 
der Arbeiterklasse in das staatsmonopolistische Herrschaftssystem hinausliefen, da an der proletari 
schen Revolution als dem Ziel der Arbeiterbewegung nur noch verbal festgehalten wurde. 
Dem dient auch das vermeintlich einem österreichischen Arbeiterlied entlehnte Motto „Mit uns 
zieht die neue Zeit“, mit dem das optimistische Lebensgefühl speziell der Arbeiter der Ersten Repu 
blik bezeichnet werden soll. Nicht ohne Ironie ist es, daß das Lied „Wann wir schreiten Seit’ an 
Seit’“ tatsächlich bereits 1915 in der Hamburger Arbeiterjugendbewegung entstanden ist. Seine 
Übernahme durch die österreichische Arbeiterbewegung ist mithin vielmehr ein Indiz für den interna 
tionalen Charakter jener Illusionen, die die Sozialdemokratie ihren breiten Mitgliedermassen in 
Mitteleuropa suggerierte. 
ULRIKE KÖPP, Berlin 
Theater der Kollektive. Proletarisch-revolutionäres Berufstheater in Deutschland 1928-1933. Stücke, 
Dokumente, Studien. Hrsg, von LUDWIG HOFFMANN unter Mitarbeit von KLAUS PFÜTZ- 
NER. Berlin, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1980. 2 Bde., 883 S., 103 Abb. 
Mit dieser Publikation setzt der Henschel-Verlag seine Bemühungen um das kulturell-künstlerische 
Erbe der sozialistischen Gesellschaft auf dem Gebiet des Theaterwesens fort. In Dokumenten, 
Stücken und Kommentaren nimmt nun erstmalig auch das proletarisch-revolutionäre Berufstheater in 
der Weimarer Republik Gestalt an und erweist sich als eine den Agitproptruppen der revolutionären 
deutschen Arbeiterbewegung gleichbedeutende Traditionslinie sozialistischer Theaterkunst. Beide 
existierten freilich nicht nebeneinander. Proletarische Laienspieler und linke Schauspieler waren eins 
in dem Ziel, mit den Mitteln der Theaterkunst revolutionäre Aufklärung zu betreiben, mit der 
„Kunst als Waffe“ die Klassenkämpfe des Proletariats zu unterstützen, und befruchteten sich gegen 
seitig.
	        
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