Urslaventum zwischen Elbe und Rhein?
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spielen die Seepferde, als Rosse von gewöhnlicher Gröfse,
aber ebenfalls mit einem verborgen bleibenden Fisch
schwanz begabt, vorgestellt. Sie kommen den altgriechi
schen Hippokampen sehr nahe. Namentlich an freund
lichen Sommertagen sollen sie das stille Meer beleben.
Alte Fischer wollen sie als Rappen, Schimmel oderSchecken
im buntesten Gewirr zu Tausenden herumspringen ge
sehen haben, prustend, wiehernd, schnaubend.
Unter den Hausgeistern, die in litauischen Gegenden
und auf der Nehrung verehrt werden, ist namentlich der
Kauks zu nennen 8 ). Aus einem Wind- oder Teufelsei,
das nach einem bereits in den Hexenprozessen grassieren
den Aberglauben von einem sieben Jahre im Hause ge
pflegten Hahn gelegt sein soll, entsteht der Kauks, nur
eine Spanne lang. Er versorgt den ihn schonenden
Eigentümer mit allen notwendigen Lebensmitteln. Wenn
er nur sieben Getreideköruer in die Scheune bringt, so
hat er damit sieben Scheffel hinein getragen. Will man
sich ihm dankbar erweisen, so näht man ihm einen
winzigen Anzug, der in 24 Stunden hergestellt sein mufs.
Wo man den Kauks anwesend glaubt, verschliefst man
sorgfältig das Haus, was natürlich zu weiteren Fabeln
Veranlassung giebt. In einer Hütte mahlte die Haus
frau, nachdem sie alle Kleider abgelegt, auf einer Hand
mühle für den Kauks Getreide zu Mehl — ein wohl
einzigartiges Beispiel moderner, nach ältestem Ritus aus
geführter Opfer. Der Kauks erweist sich seinem Herrn
8 ) Vergi. Grimm, Mythologie 4 , 2, 811.
namentlich dadurch als nützlich, dafs er ihm die Stellen
zeigt, an denen Schätze brennen. Der Begünstigte
sieht dann gewöhnlich eine hohe Flamme, die ihr bläu
liches Licht immer mehr dem Wohnhause desselben
nähert. Wer nun den Mut hat, trotz des neben der
Flamme gelagerten Dämons, den man gewöhnlich als
schwarzen Hund sieht, sich der Erscheinung zu nähern
und einen Gegenstand seiner Bekleidung auf sie zu
werfen 9 ), kann sich des Schatzes leicht bemächtigen.
Wirft er einen Pantoffel, so liegt das Gold obenauf, hat
er die Mütze geschleudert, mufs er so tief graben, als er
selbst grofs ist. Das Phänomen, von dem alle älteren
Nehrungsbewohner als eigenem Erlebnis zu erzählen
wufsten, beschränkt sich natürlich auf die Nachtzeit.
Nur zweifelnd möchte ich als Erklärungsgrundlage der
so überaus seltenen St. Elmsfeuer gedenken, die ich nie
mals zu Gesicht bekommen habe. Etwas seltener spricht
man endlich von dem Pulkis, einem bisweilen über die
nächtlichen Hütten hinwegfliegenden Drachen, der unter
heftigem Knallen zerspringt und dann einen Feuerregen
auf einzelne Häuser herabsendet. Es handelt sich hier
wohl um elektrische Entladungen, wie solche jthysikalisch
bezeugt sind. Auch dieses Phänomen soll Schätze an-
zeigen und bisweilen durch den Kauks einem besonders
Begünstigten zur Erhöhung von dessen Glück zugeführt
werden.
s ) Hier verweise ich auf Bezzenberger, Litauische For
schungen.
Urslaventum zwischen Elbe und Rhein?
E(l. lSöguslawski: Methode und Hiilfsmittel zur
Erforschung der vorhistorischen Zeit in der
Vergangenheit der Slaven. Aus dem Polnischen
übersetzt von W. Osterloff. Berlin, Hermann Coste-
noble, 1902.
I. Das ganze Buch.
Nachdem des Verfassers zweibändige Geschichte der
Slaven (Historya Slowian. 1888—1899) von der Kritik
schlechthin abgelehnt ist, versucht er, in der angezeigten
Schrift vermittelst einer abstofsenden schülerhaften Über
setzung für seine Aufstellungen von einem angeblichen
Urslaventum im mittleren Europa Q mit dem Ausgange
an der unteren Donau von dem Einflüsse der „Berliner
österreichischen Schule“, wie er sie nennt (die den alten
Sitz der Slaven hinter die Karpathen verlegt und vor
der Völkerwanderungszeit von einem westlichen und süd
lichen Vorkommen derselben nichts wissen will), an
einen weiteren und der schulgerechten Slavistik (A. Brück
ner) gegenüber unbefangeneren, soll heifsen laienhafteren
Leserkreis zu appellieren. Neu ist diese Behauptung
eigentlich nicht; aber neu allerdings ist die aufseroideut
liche Belesenheit, die er in wissenschaftlicher V erbrämung
zu Tage fördert, neu ebenso die Unverfrorenheit, mit dei
er seine Manier, die klaren Aussprüche der Quellen ohne
jeden tieferen Anhalt zu vergewaltigen auf Grund von
vereinzelten Ähnlichkeiten und Anklängen, die ei aus
ihrem natürlichen Zusammenhang herausreifst, um bald
’) Dafs die Slaven in vorhistorischer Zeit schon his zur
Ostsee (der oäeriJtxoV ^olnoq des Ptolemäus) gehaust haben
und erst durch die Auswanderung der ostgermanischen
Stämme von Skandinavien nach der Weichsel zurückgedrängt
sind, ist neuerdings auch von deutscher Seite wahrscheinlich
gemacht.
diesem, bald jenem Stamme der slavischen, weit schat
tenden Esche beizulegen, zum Range einer unfehlbaren
neuen Methode erhebt, die er ex cathedra verkündet
(„Herr Brückner soll mir glauben“, ähnlich öfter). Man
könnte versucht sein, dies Hausieren mit slavisch aufge
putztem Trödelkram nach seiner Abweisung vor den
Thoren der Wissenschaft sich selbst zu überlassen, wenn
nicht zu fürchten wäre, dafs die Art, wie er gegenüber
der „Ärmlichkeit der Sprachwissenschaft“ (A. Brückner)
seine Methode auf drei weitere Hülfswissenschaften
stützen will, auf schwache Gemüter bei uns einen ähn
lichen Eindruck machen könnte, wie es thatsächlich auf
slavischer Seite geschehen ist 2 ).
Entkleiden wir also seine Methode zunächst von den
angeblichen Hülfswissenschaften, die unserer Zeitschrift
ohnehin am nächsten liegen. Erstens die Soziologie
(S. 43). Mit Nichtachtung der wuchtigen Schläge, die
neuerdings von Peisker gegen die Hausgemeinschaft als
eine vorausgesetzte Eigentümlichkeit der Urslaven ge
führt sind, behauptet er, dafs diese Einrichtung ledig
lich den Slaven zugehört habe, und dafs also überall,
wo sich Spuren derselben auffinden lassen, diese von
den Urslaven zurückgelassen seien. Dafs diese Haus
gemeinschaft sich in ihrer typischsten Gestalt in dem
mittelalterlichen Wales findet, dürfen wir ihm kaum
verraten, um nicht eine Fortsetzung seiner schaffens-
freudigen Slavenbildnerei in einem dritten Bande der
Historya Slowian zu erleben. Zweitens die Archäologie
(S. 54 ff.), bei der Leichtigkeit der Kulturübertragungen
das allerunsicherste Hiilfsmittel, das noch auf keiner
Seite zu einem sicheren Ergebnis in Bezug auf ethno-
2 ) Die Besprechung in der polnischen Wisla, 1902, S. 113
bis 118 von Gajsler: „Obgleich vieles zweifelhaft., doch ein
wichtiger Hcliritt vorwärts.“