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Volltext: Globus, 82.1902

Urslaventum zwischen Elbe und Rhein? 
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spielen die Seepferde, als Rosse von gewöhnlicher Gröfse, 
aber ebenfalls mit einem verborgen bleibenden Fisch 
schwanz begabt, vorgestellt. Sie kommen den altgriechi 
schen Hippokampen sehr nahe. Namentlich an freund 
lichen Sommertagen sollen sie das stille Meer beleben. 
Alte Fischer wollen sie als Rappen, Schimmel oderSchecken 
im buntesten Gewirr zu Tausenden herumspringen ge 
sehen haben, prustend, wiehernd, schnaubend. 
Unter den Hausgeistern, die in litauischen Gegenden 
und auf der Nehrung verehrt werden, ist namentlich der 
Kauks zu nennen 8 ). Aus einem Wind- oder Teufelsei, 
das nach einem bereits in den Hexenprozessen grassieren 
den Aberglauben von einem sieben Jahre im Hause ge 
pflegten Hahn gelegt sein soll, entsteht der Kauks, nur 
eine Spanne lang. Er versorgt den ihn schonenden 
Eigentümer mit allen notwendigen Lebensmitteln. Wenn 
er nur sieben Getreideköruer in die Scheune bringt, so 
hat er damit sieben Scheffel hinein getragen. Will man 
sich ihm dankbar erweisen, so näht man ihm einen 
winzigen Anzug, der in 24 Stunden hergestellt sein mufs. 
Wo man den Kauks anwesend glaubt, verschliefst man 
sorgfältig das Haus, was natürlich zu weiteren Fabeln 
Veranlassung giebt. In einer Hütte mahlte die Haus 
frau, nachdem sie alle Kleider abgelegt, auf einer Hand 
mühle für den Kauks Getreide zu Mehl — ein wohl 
einzigartiges Beispiel moderner, nach ältestem Ritus aus 
geführter Opfer. Der Kauks erweist sich seinem Herrn 
8 ) Vergi. Grimm, Mythologie 4 , 2, 811. 
namentlich dadurch als nützlich, dafs er ihm die Stellen 
zeigt, an denen Schätze brennen. Der Begünstigte 
sieht dann gewöhnlich eine hohe Flamme, die ihr bläu 
liches Licht immer mehr dem Wohnhause desselben 
nähert. Wer nun den Mut hat, trotz des neben der 
Flamme gelagerten Dämons, den man gewöhnlich als 
schwarzen Hund sieht, sich der Erscheinung zu nähern 
und einen Gegenstand seiner Bekleidung auf sie zu 
werfen 9 ), kann sich des Schatzes leicht bemächtigen. 
Wirft er einen Pantoffel, so liegt das Gold obenauf, hat 
er die Mütze geschleudert, mufs er so tief graben, als er 
selbst grofs ist. Das Phänomen, von dem alle älteren 
Nehrungsbewohner als eigenem Erlebnis zu erzählen 
wufsten, beschränkt sich natürlich auf die Nachtzeit. 
Nur zweifelnd möchte ich als Erklärungsgrundlage der 
so überaus seltenen St. Elmsfeuer gedenken, die ich nie 
mals zu Gesicht bekommen habe. Etwas seltener spricht 
man endlich von dem Pulkis, einem bisweilen über die 
nächtlichen Hütten hinwegfliegenden Drachen, der unter 
heftigem Knallen zerspringt und dann einen Feuerregen 
auf einzelne Häuser herabsendet. Es handelt sich hier 
wohl um elektrische Entladungen, wie solche jthysikalisch 
bezeugt sind. Auch dieses Phänomen soll Schätze an- 
zeigen und bisweilen durch den Kauks einem besonders 
Begünstigten zur Erhöhung von dessen Glück zugeführt 
werden. 
s ) Hier verweise ich auf Bezzenberger, Litauische For 
schungen. 
Urslaventum zwischen Elbe und Rhein? 
E(l. lSöguslawski: Methode und Hiilfsmittel zur 
Erforschung der vorhistorischen Zeit in der 
Vergangenheit der Slaven. Aus dem Polnischen 
übersetzt von W. Osterloff. Berlin, Hermann Coste- 
noble, 1902. 
I. Das ganze Buch. 
Nachdem des Verfassers zweibändige Geschichte der 
Slaven (Historya Slowian. 1888—1899) von der Kritik 
schlechthin abgelehnt ist, versucht er, in der angezeigten 
Schrift vermittelst einer abstofsenden schülerhaften Über 
setzung für seine Aufstellungen von einem angeblichen 
Urslaventum im mittleren Europa Q mit dem Ausgange 
an der unteren Donau von dem Einflüsse der „Berliner 
österreichischen Schule“, wie er sie nennt (die den alten 
Sitz der Slaven hinter die Karpathen verlegt und vor 
der Völkerwanderungszeit von einem westlichen und süd 
lichen Vorkommen derselben nichts wissen will), an 
einen weiteren und der schulgerechten Slavistik (A. Brück 
ner) gegenüber unbefangeneren, soll heifsen laienhafteren 
Leserkreis zu appellieren. Neu ist diese Behauptung 
eigentlich nicht; aber neu allerdings ist die aufseroideut 
liche Belesenheit, die er in wissenschaftlicher V erbrämung 
zu Tage fördert, neu ebenso die Unverfrorenheit, mit dei 
er seine Manier, die klaren Aussprüche der Quellen ohne 
jeden tieferen Anhalt zu vergewaltigen auf Grund von 
vereinzelten Ähnlichkeiten und Anklängen, die ei aus 
ihrem natürlichen Zusammenhang herausreifst, um bald 
’) Dafs die Slaven in vorhistorischer Zeit schon his zur 
Ostsee (der oäeriJtxoV ^olnoq des Ptolemäus) gehaust haben 
und erst durch die Auswanderung der ostgermanischen 
Stämme von Skandinavien nach der Weichsel zurückgedrängt 
sind, ist neuerdings auch von deutscher Seite wahrscheinlich 
gemacht. 
diesem, bald jenem Stamme der slavischen, weit schat 
tenden Esche beizulegen, zum Range einer unfehlbaren 
neuen Methode erhebt, die er ex cathedra verkündet 
(„Herr Brückner soll mir glauben“, ähnlich öfter). Man 
könnte versucht sein, dies Hausieren mit slavisch aufge 
putztem Trödelkram nach seiner Abweisung vor den 
Thoren der Wissenschaft sich selbst zu überlassen, wenn 
nicht zu fürchten wäre, dafs die Art, wie er gegenüber 
der „Ärmlichkeit der Sprachwissenschaft“ (A. Brückner) 
seine Methode auf drei weitere Hülfswissenschaften 
stützen will, auf schwache Gemüter bei uns einen ähn 
lichen Eindruck machen könnte, wie es thatsächlich auf 
slavischer Seite geschehen ist 2 ). 
Entkleiden wir also seine Methode zunächst von den 
angeblichen Hülfswissenschaften, die unserer Zeitschrift 
ohnehin am nächsten liegen. Erstens die Soziologie 
(S. 43). Mit Nichtachtung der wuchtigen Schläge, die 
neuerdings von Peisker gegen die Hausgemeinschaft als 
eine vorausgesetzte Eigentümlichkeit der Urslaven ge 
führt sind, behauptet er, dafs diese Einrichtung ledig 
lich den Slaven zugehört habe, und dafs also überall, 
wo sich Spuren derselben auffinden lassen, diese von 
den Urslaven zurückgelassen seien. Dafs diese Haus 
gemeinschaft sich in ihrer typischsten Gestalt in dem 
mittelalterlichen Wales findet, dürfen wir ihm kaum 
verraten, um nicht eine Fortsetzung seiner schaffens- 
freudigen Slavenbildnerei in einem dritten Bande der 
Historya Slowian zu erleben. Zweitens die Archäologie 
(S. 54 ff.), bei der Leichtigkeit der Kulturübertragungen 
das allerunsicherste Hiilfsmittel, das noch auf keiner 
Seite zu einem sicheren Ergebnis in Bezug auf ethno- 
2 ) Die Besprechung in der polnischen Wisla, 1902, S. 113 
bis 118 von Gajsler: „Obgleich vieles zweifelhaft., doch ein 
wichtiger Hcliritt vorwärts.“
	        
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