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Volltext: Globus, 84.1903

GLOBUS. 
ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT FÜR LÄNDER- UND VÖLKERKUNDE. 
VEREINIGT MIT DEN ZEITSCHRIFTEN: „DAS AUSLAND“ UND „AUS ALLEN WELTTEILEN“. 
HERAUSGEGEBEN VON H. SINGER UNTER BESONDERER MITWIRKUNG VON Prof. Dr. RICHARD ANDREE. 
VERLAG von FRIEDR. VIEWEG & SOHN. 
Bd. LXXXIV. Nr. 24. BRAUNSCHWEIG. 24. Dezember 1903. 
Nachdruck nur nach Übereinkunft mit der Verlagshandlung gestattet. 
St. Vincent. 
Von K. Sapper. 
(Schluß.) 
Ich unternahm nunmehr einen achttägigen Ausflug 
nach der Insel Grenada und lernte so die reizendste aller 
Antillen, eine Insel mit günstigen wirtschaftlichen Be 
dingungen und wundervollen tropischen Urwäldern ken 
nen. ein Ländchen mit freundlichen Landschaftshildern 
im Innern, wie man es nur selten selbst in den Tropen 
antrifft. 
Um so wilder und ernster erschien mir nach meiner 
Rückkehr (4. Februar) aber wieder die Insel St. Vincent 
mit ihren schroffen, waldlosen Bergzügen, ihren spär 
lichen, verkrüppelten Bäumen, ihren Häuserruinen, und 
als ich am 5. Februar wieder mit Rev. Huckerby nach 
Chäteaubelair gefahren war und vor mir die tiefgrauen, 
toten Berghänge der Soufrière, den großen, dampfenden 
Krater, die dämonisch ernsten, tief in junge, dunkel 
graue Aschenablagerungen eingerissenen Flußbetten mit 
ihrem von großen Auswürflingen überstreuten Boden, 
die kahlen Baumstämme inmitten öder Wüste erblickte, 
da machte mir dies außerordentlich düstere Landschafts- 
bild einen gewaltigen Eindruck, gerade wegen des Gegen 
satzes, in dem es zu den eben geschauten lieblichen 
Landschaftsbildern der ewig grünen, seit Menschen 
gedenken nicht mehr von Orkanen oder vulkanischen 
Ereignissen heimgesuchten südlichen Nachbarinsel steht. 
Und wenn die öden Hänge des Vulkans schon aus 
der Entfernung ungemein düster wirken, so ist das noch 
in viel höherem Grade der Fall, wenn man sich ihnen 
nähert und schließlich über sie hinweg zu dem Feuer 
schlund emporsteigt, der so unendlich viel Unheil über 
seine Nachbarschaft ausgeschüttet hat. Vorbei an den 
völlig zerstörten und großenteils verschütteten Zucker 
fabriken von Richmond Estate und Wallibou war ich am 
6 . Februar mit Rev. Huckerby, einem Führer und einem 
Träger bis zum Roseau Dry River gefahren, wo wir das 
Ruderboot zurückließen und zu den äußersten Ausläufern 
des Soufrièreberges emporstiegen. Noch einmal warfen 
wir einen Blick zurück nach dem Meei’e und dem aschen 
bedeckten , sanft geneigten Strandgebiet. wo unzählige 
kleinere und größere Erosionsrillen in merkwürdigen, 
teils divergierenden, teils konvergierenden Linien abwärts 
führten, so daß sie nicht selten geradezu schönge 
schwungene heraldische Federn- und Blumenornamente 
darstellten; dann tauchten wir in eine enge, tief ein 
gerissene Talschlucht ein, auf deren trockenem Boden 
wir mühsam über steile Stufen und wildes Wirrnis von 
Baumstämmen, Ästen und Felsblöcken emporkletterten, 
um schließlich in eine noch engere Seitenschlucht einzu- 
Globus LXXXIV. Nr. 24. 
treten und an deren ungemein steilen Wänden emporzu 
klimmen zu einem der zahlreichen scharfen Grate, die 
zu den großen Radialrippen des Berges emporführen. 
Während in der Nähe des Meeres feinere Aschen in 
dicker Lage das Gelände bedeckten, waren hier oben die 
nach den Maiausbrüchen vorhanden gewesenen Schlamm 
lagen bereits durch den Regen abgewaschen, so daß nur 
noch grobe Sande und Lapilli den Boden bildeten und 
daher das Ausschreiten sehr erleichtert war. An ein 
zelnen Stellen war freilich der Grat außerordentlich 
schmal, fast messerscharf, und wenn er zugleich noch 
starke Steigungen zeigte, so war das Begehen des Grats 
nicht gerade angenehm; wir hatten dann Mühe, den 
Träger, der etwas an Schwindel litt, über diese heiklen 
Stellen hinwegzubringen. Endlich hatten wir die breite 
Radialrippe erreicht, die zwischen dem Roseau- und dem 
Petit Wallibou-Tale sich hinzieht, und konnten nunmehr 
bequemer vorankommen. Der ganze Boden war übersät 
von groben Lapillis, Gesteinstücken und Bomben; dann 
und wann trafen wir auch rundliche Vertiefungen von 
1 bis 1 1 / 2 m Durchmesser, die durch das Auffallen rie 
siger Gesteinsblöcke entstanden waren. Immer weiter 
gestaltete sich der Blick über die öden Berghalden hinweg 
in die grausigen, wüsten Talschluchten hinein, an deren 
völlig vegetationslosen Steilwänden an verschiedenen 
Stellen alte Lavaströme sichtbar wurden. Großartig ent 
wickelte sich namentlich der Blick nach Süden, nach dem 
wilden Gebirgsstock des Morne Garu, wo man mächtige 
Lavabänke gegen das Meer zu einfallen sehen konnte, 
da die verbrannten und niedergemähten Wälder jetzt 
nicht mehr den Einblick in das Gefüge des Berges ver 
wehrten. Noch interessanter als dieses war aber der 
Anblick der toten Wälder selbst; denn auf der Westseite 
des Morne Garu waren sie westwärts niedergelegt, auf 
der Ostseite aber ostwärts, woraus man erkennen konnte, 
daß die bergsturzartig niederrollende Aschen- und La- 
pillimasse, die an jenem denkwürdigen Nachmittag des 
7. Mai aus dem Krater hervorgequollen war, sich an 
dem Massiv des Morne Garu gestaut und wie ein Strom 
in zwei Arme gespalten hatte, die auf der Bahn der 
größten Neigung dem Meere zustrehten. Der Morne 
Garu hatte also bewirkt, daß die Zerstörungszone nicht 
allzu weit nach Süden ausgedehnt wurde, während im 
Norden der alte Ringwall, die Somma der Soufriere, 
denselben Dienst leistete. 
Nach 2 3 / 4 stündigem Steigen hatten wir den Krater- 
rand erreicht und blickten in einen gewaltigen grauen 
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