DER EIGENE
Blut! Die Bahn des Sieges bleibt das Blut! Ihr Sterne, mitten
durch das Blut habt ihr mich geführt, mitten durch das Grausen !
Aus meinem stillen Hause, von meinem blumigen Berge habt
ihr mich weggeführt — Kronen warf ich von den Schädeln,
die mein krummer Säbel von den blutigen Hälsen mähte---
eine Krone, die Krone meiner Heimat ist mein! Ehe du auf
stiegest, heiliger Mond, in der Dunkelheit der Nacht warf ich
sie in das Meer! Und mit dieser Krone warf ich von mir
Blut und Schrecken und Gewalt und Fluch und Grausen —
hinunter in die Flut! Meer, verhülle sie — ich will alles ver
gessen, was mein Stolz mir gab! Und nun weiß ich, daß ich
wieder meine alten, frommen, treuen Sterne finde! Rein und
froh will ich einziehen droben bei meinen weißen Blumen, auf
meinem schönen, stillen Berge! Mehr heische ich nicht — die
Probe meines Lebens vollendet sich ! Wohl — ich will vollenden !
Hinweg von meiner Seele rinnt alles Blut und alles Grausen
— nur mehr die Sterne seien mein — nur mehr die Sterne —
und nur mehr die Liebe — und nur mehr mein schöner, stiller,
heiliger Berg!“
Er erhob sich.
Ernsten Schrittes bewegte er sich über das finster be
schattete Deck des Schiffes, mitten durch die schlafenden
Schiffsleute, holte die Lampe vom Buge und wand sich durch
eine Luke hinunter in den Schiffsraum.
Der matte Schein der Lampe warf seine unsicheren Lich
ter auf Schätze von Gold und Edelsteinen — die Prunkgüter
von Königreichen lagen aufgestaut, und dennoch herrschte
grausiger Dunst von Blut und Tränen in den Räumen, ein
stickiger Dampf, als läge in dem schweren Gold und in der
satten Diamantenpracht eingesotten das blutige Elend der Er
oberung, der Grausamkeit und Tyrannei.
Einen zweiten Raum hinunter kletterte der Sarazenenfürst.
Da lagen hingewunden die herrlichsten Gestalten, ächzend
und jammernd, aneinandergeschmiegt in dumpfer, brutaler Qual,
die nackten Leiber weißer Fürstinnen und schwarzer Königs
töchter, heiß gebettet zwischen den zergeiselten Rücken ihrer
Sklavinnen und Bedienerinnen, nun nicht mehr wert als diese,
denen sie einmal mit einem Drucke des Daumens die Augen
zerfleischen und mit einem hurtigen Rucke des Dolches das
warme Herz gefrieren machen konnten.
In den untersten Raum hinunter stieg der Sarazenenfürst.
Der Schein der Lampe verbreitete ein dünnes Licht über
seidenen Decken und flimmernden Damastgehängen.
Auf bunten Kissen lag ein nackter Knabe und schlief.
Seine schlaffen Züge zeigten, daß ihn eine große Er
mattung in Schlaf gebracht hatte. Nicht einmal der Schein der
Lampe ließ ihn aufschrecken aus seinem Schlummer.
Der Sarazene hängte sich die Lampe an die Goldkette,
die er um den Hals trug, und nahm den Knaben auf seine
Arme. Durch das ganze Schiff trug er ihn hinauf. Nun hatte
er wieder das purpurne Seidenbanner erreicht, das sich wie
ein Zelt über das Heck des Schiffes spannte. Vorsichtig ließ
er den Knaben hinab auf die kostbaren Decken und setzte
sich ihm gegenüber auf den Boden.
So verharrte er lange, mit seinen Blicken den schönen
Schläfer betrachtend, mit offenem Munde nach dem Atem
horchend, den dieser stöhnend aus seiner Brust stieß.
Der leise Morgenwind hatte zu spielen angefangen. Die
Schiffsteute standen geschäftig an Schoten und Spieren, die
Segel füllten sich, und das schwere Schiff strich munter über
hell aufklatschenden Fluten.
Das kühle Morgenschauern erweckte den Knaben.
Er prallte empor — mit weitaufgerissenen Augen starrte
er um sich — sein Auge blieb hangen an dem Bilde des Fürs
ten, der vor ihm saß. Ein wilder Schreck warf ihn zurück,
mit gellendem Schrei riß es ihm die Arme empor — aber so
fort ließ die Mattigkeit sie wieder sinken. Die schlanke Brust
krümmte sich ein, und der Kopf, den ein prächtiges Gelocke
von dunkeln Haaren schmückte, neigte sich traurig angstvoll
hernieder zum Boden — die ganze Gestalt zeigte nur eine
Geberde, die aus jeder Miene, jedem Muskel sprach, das leise
Wort willig hinsterbenden Leides:
„Nun — so sei es denn — und töte mich!“
Aber der Fürst blieb regungslos verharren, betrachtend und
sinnend, und starrte mit einer forschenden Beständigkeit auf
den Knaben.
Endlich, nach einer langen, langen Weile, hob dieser das
Haupt.Seine blutig brennenden Blicke richtete er still und feierlich
auf den grausigen Mann, der vor ihm saß.
In diesen klagenden Knabenaugen las der Sarazenenfürst.
Lange — lange las er darin.
Und er las daraus ein scheues, entsetzliches Gericht.
Denn sie sprachen zu ihm:
„Warum tötest du mich nicht! Warum läßt du mich bangen,
nackt und elend, in dieser scharfen Morgenluft? Warum
schleppst du mich, nackt und weinend und halbtot vor Angst
und Entsetzen und Grausen, dahin über dieses schönen Meeres
Boden? Sag mir, o sage mir, warum tötest du micht nicht?“
Das alles las der Sarazene aus den beiden blutig geweinten
Knabenaugen. Er wollte ein Wort an den Knaben richten; aber er brachte
keines über seine Lippen. Nun löste er das blinkende Wehr
gehänge an seiner Seite und mit einem ungestümen Rucke, das
alle seine Messer und Dolche durcheinander rasselten, schleu
derte er es hinter sich hinaus in das Meer.
Dann schaute er wieder nach dem Knaben.
Der starrte wie vorher herüber zu ihm und seine klagenden
Augen fragten ihn nach wie vorher:
„Warum tötest du mich nicht?“
Da merkte der Fürst, wie der zarte Leib frierend zusammen
schauerte im frostigen Anwehen des Morgenwindes. Mit einem
festen Rucke zerrte er das seidene Banner herunter und deckte
es über den Knaben. Nur das Haupt mit dem schönen, weichen
Gelocke ließ er hervorschauen. So brannten die beiden, den
Tod erflehenden Augen herüber zu ihm mit der Ruhe des
Jammers und des Gerichtes.
Und sie sprachen:
„Warum tötest du mich nicht? Ach warum tötest du mich
nicht, wie du den Vater getötet hast, der die Krone trug drüben
weit über dem Meere? Warum tötest du mich nicht, wie du
die Mutter getötet hast, die arme Mutter, die mir noch im Tode
ihren blutigen Kuß drückte auf meinen jammernden Mund?
Warum tötest du mich nicht, wie du die Brüder getötet hast,
meine armen Brüderlein, mit denen ich spielte unter den Palmen
und an den Waldquellen und auf dem silberweißen Sande der
meerumrauschten Küste? Warum tötest du mich nicht, wie
du die Schwestern getötet hast, die armen, armen Schwestern,
die in der Nacht so lieblich sangen und so duftende Kränze
wanden, da wir auf die Wiesen gingen und über die schönen
Seen fuhren? Warum tötest du mich nicht, wie die Diener,
die mich trugen, da ich ein Kind war, die mit mir auf die Berge
zogen, den Panther zu jagen und die weiße Schlange zu fangen
in dem düsteren, blumenbekrönten Tal? Warum tötest du mich
nicht, wie du die Priester getötet hast, die mich beten gelehrt
haben zu dem freundlichen Gott meiner Seele und meiner
Kindheit? Warum tötest du mich nicht, wie du unsere Sänger
getötet hast, die armen Sänger, die unsere Feste so schön
machten durch ihr klares Lied? Warum tötest du mich nicht,
wie du meine Gespielen töten ließest, alle die armen, guten
Knaben, mit denen ich den Ball warf, die jungen Hengste ritt,
den raschen Fluß durchschwamm und die mit mir schliefen
glückselig in der lauen, leisen Sommernacht? Warum tötest
du mich nicht, wie du in den brennenden Gassen die Männer
des Volkes gemordet hast, die Jünglinge und alle die Knaben,
vertilgt durch die verfluchte Peitsche der Sklaverei? Warum
tötest du mich nicht, wie du alles — alles getötet hast, was
ich Liebes hatte, was ich Schönes und Holdes besaß, — einmal
ein Königskind und nunmehr das klägliche Opfertier deiner
unerbittlichen, grausigen, zermalmenden Gier?“
Das alles las der Sarazenenfürst aus den brennenden
Augen des Knaben.
Er richtete seinen Blick nach den Sternen.
Lange — lange —
Dann schaute er wieder auf den Knaben.
Da fingen seine Augen an zu leuchten und zu funkeln,
seine Lippen flüsterten, in seiner Brust krümmte es sich auf
und nieder, sein ganzer Leib war in einer starken, erschütternden
Bewegung. Und das wilde Feuer seiner Blicke strahlte jetzt
in einem schönen und weichen Glanze — es waren die Tränen,
die ihm stromweis aus den Augen stürzten.
Er riß die Arme auseinander — mit einem Ruck hatte er
den Knaben an seine Brust gerissen und weinend und stöhnend
und singend und klagend preßte er seine Lippen auf den Mund
des leise hinschluchzenden Königskindes. (Fortsetzung folgt)