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Bibliographische Daten: Der Eigene, 7.1919

DER EIGENE 
Blut! Die Bahn des Sieges bleibt das Blut! Ihr Sterne, mitten 
durch das Blut habt ihr mich geführt, mitten durch das Grausen ! 
Aus meinem stillen Hause, von meinem blumigen Berge habt 
ihr mich weggeführt — Kronen warf ich von den Schädeln, 
die mein krummer Säbel von den blutigen Hälsen mähte--- 
eine Krone, die Krone meiner Heimat ist mein! Ehe du auf­ 
stiegest, heiliger Mond, in der Dunkelheit der Nacht warf ich 
sie in das Meer! Und mit dieser Krone warf ich von mir 
Blut und Schrecken und Gewalt und Fluch und Grausen — 
hinunter in die Flut! Meer, verhülle sie — ich will alles ver­ 
gessen, was mein Stolz mir gab! Und nun weiß ich, daß ich 
wieder meine alten, frommen, treuen Sterne finde! Rein und 
froh will ich einziehen droben bei meinen weißen Blumen, auf 
meinem schönen, stillen Berge! Mehr heische ich nicht — die 
Probe meines Lebens vollendet sich ! Wohl — ich will vollenden ! 
Hinweg von meiner Seele rinnt alles Blut und alles Grausen 
— nur mehr die Sterne seien mein — nur mehr die Sterne — 
und nur mehr die Liebe — und nur mehr mein schöner, stiller, 
heiliger Berg!“ 
Er erhob sich. 
Ernsten Schrittes bewegte er sich über das finster be­ 
schattete Deck des Schiffes, mitten durch die schlafenden 
Schiffsleute, holte die Lampe vom Buge und wand sich durch 
eine Luke hinunter in den Schiffsraum. 
Der matte Schein der Lampe warf seine unsicheren Lich­ 
ter auf Schätze von Gold und Edelsteinen — die Prunkgüter 
von Königreichen lagen aufgestaut, und dennoch herrschte 
grausiger Dunst von Blut und Tränen in den Räumen, ein 
stickiger Dampf, als läge in dem schweren Gold und in der 
satten Diamantenpracht eingesotten das blutige Elend der Er­ 
oberung, der Grausamkeit und Tyrannei. 
Einen zweiten Raum hinunter kletterte der Sarazenenfürst. 
Da lagen hingewunden die herrlichsten Gestalten, ächzend 
und jammernd, aneinandergeschmiegt in dumpfer, brutaler Qual, 
die nackten Leiber weißer Fürstinnen und schwarzer Königs­ 
töchter, heiß gebettet zwischen den zergeiselten Rücken ihrer 
Sklavinnen und Bedienerinnen, nun nicht mehr wert als diese, 
denen sie einmal mit einem Drucke des Daumens die Augen 
zerfleischen und mit einem hurtigen Rucke des Dolches das 
warme Herz gefrieren machen konnten. 
In den untersten Raum hinunter stieg der Sarazenenfürst. 
Der Schein der Lampe verbreitete ein dünnes Licht über 
seidenen Decken und flimmernden Damastgehängen. 
Auf bunten Kissen lag ein nackter Knabe und schlief. 
Seine schlaffen Züge zeigten, daß ihn eine große Er­ 
mattung in Schlaf gebracht hatte. Nicht einmal der Schein der 
Lampe ließ ihn aufschrecken aus seinem Schlummer. 
Der Sarazene hängte sich die Lampe an die Goldkette, 
die er um den Hals trug, und nahm den Knaben auf seine 
Arme. Durch das ganze Schiff trug er ihn hinauf. Nun hatte 
er wieder das purpurne Seidenbanner erreicht, das sich wie 
ein Zelt über das Heck des Schiffes spannte. Vorsichtig ließ 
er den Knaben hinab auf die kostbaren Decken und setzte 
sich ihm gegenüber auf den Boden. 
So verharrte er lange, mit seinen Blicken den schönen 
Schläfer betrachtend, mit offenem Munde nach dem Atem 
horchend, den dieser stöhnend aus seiner Brust stieß. 
Der leise Morgenwind hatte zu spielen angefangen. Die 
Schiffsteute standen geschäftig an Schoten und Spieren, die 
Segel füllten sich, und das schwere Schiff strich munter über 
hell aufklatschenden Fluten. 
Das kühle Morgenschauern erweckte den Knaben. 
Er prallte empor — mit weitaufgerissenen Augen starrte 
er um sich — sein Auge blieb hangen an dem Bilde des Fürs­ 
ten, der vor ihm saß. Ein wilder Schreck warf ihn zurück, 
mit gellendem Schrei riß es ihm die Arme empor — aber so­ 
fort ließ die Mattigkeit sie wieder sinken. Die schlanke Brust 
krümmte sich ein, und der Kopf, den ein prächtiges Gelocke 
von dunkeln Haaren schmückte, neigte sich traurig angstvoll 
hernieder zum Boden — die ganze Gestalt zeigte nur eine 
Geberde, die aus jeder Miene, jedem Muskel sprach, das leise 
Wort willig hinsterbenden Leides: 
„Nun — so sei es denn — und töte mich!“ 
Aber der Fürst blieb regungslos verharren, betrachtend und 
sinnend, und starrte mit einer forschenden Beständigkeit auf 
den Knaben. 
Endlich, nach einer langen, langen Weile, hob dieser das 
Haupt.Seine blutig brennenden Blicke richtete er still und feierlich 
auf den grausigen Mann, der vor ihm saß. 
In diesen klagenden Knabenaugen las der Sarazenenfürst. 
Lange — lange las er darin. 
Und er las daraus ein scheues, entsetzliches Gericht. 
Denn sie sprachen zu ihm: 
„Warum tötest du mich nicht! Warum läßt du mich bangen, 
nackt und elend, in dieser scharfen Morgenluft? Warum 
schleppst du mich, nackt und weinend und halbtot vor Angst 
und Entsetzen und Grausen, dahin über dieses schönen Meeres 
Boden? Sag mir, o sage mir, warum tötest du micht nicht?“ 
Das alles las der Sarazene aus den beiden blutig geweinten 
Knabenaugen. Er wollte ein Wort an den Knaben richten; aber er brachte 
keines über seine Lippen. Nun löste er das blinkende Wehr­ 
gehänge an seiner Seite und mit einem ungestümen Rucke, das 
alle seine Messer und Dolche durcheinander rasselten, schleu­ 
derte er es hinter sich hinaus in das Meer. 
Dann schaute er wieder nach dem Knaben. 
Der starrte wie vorher herüber zu ihm und seine klagenden 
Augen fragten ihn nach wie vorher: 
„Warum tötest du mich nicht?“ 
Da merkte der Fürst, wie der zarte Leib frierend zusammen­ 
schauerte im frostigen Anwehen des Morgenwindes. Mit einem 
festen Rucke zerrte er das seidene Banner herunter und deckte 
es über den Knaben. Nur das Haupt mit dem schönen, weichen 
Gelocke ließ er hervorschauen. So brannten die beiden, den 
Tod erflehenden Augen herüber zu ihm mit der Ruhe des 
Jammers und des Gerichtes. 
Und sie sprachen: 
„Warum tötest du mich nicht? Ach warum tötest du mich 
nicht, wie du den Vater getötet hast, der die Krone trug drüben 
weit über dem Meere? Warum tötest du mich nicht, wie du 
die Mutter getötet hast, die arme Mutter, die mir noch im Tode 
ihren blutigen Kuß drückte auf meinen jammernden Mund? 
Warum tötest du mich nicht, wie du die Brüder getötet hast, 
meine armen Brüderlein, mit denen ich spielte unter den Palmen 
und an den Waldquellen und auf dem silberweißen Sande der 
meerumrauschten Küste? Warum tötest du mich nicht, wie 
du die Schwestern getötet hast, die armen, armen Schwestern, 
die in der Nacht so lieblich sangen und so duftende Kränze 
wanden, da wir auf die Wiesen gingen und über die schönen 
Seen fuhren? Warum tötest du mich nicht, wie die Diener, 
die mich trugen, da ich ein Kind war, die mit mir auf die Berge 
zogen, den Panther zu jagen und die weiße Schlange zu fangen 
in dem düsteren, blumenbekrönten Tal? Warum tötest du mich 
nicht, wie du die Priester getötet hast, die mich beten gelehrt 
haben zu dem freundlichen Gott meiner Seele und meiner 
Kindheit? Warum tötest du mich nicht, wie du unsere Sänger 
getötet hast, die armen Sänger, die unsere Feste so schön 
machten durch ihr klares Lied? Warum tötest du mich nicht, 
wie du meine Gespielen töten ließest, alle die armen, guten 
Knaben, mit denen ich den Ball warf, die jungen Hengste ritt, 
den raschen Fluß durchschwamm und die mit mir schliefen 
glückselig in der lauen, leisen Sommernacht? Warum tötest 
du mich nicht, wie du in den brennenden Gassen die Männer 
des Volkes gemordet hast, die Jünglinge und alle die Knaben, 
vertilgt durch die verfluchte Peitsche der Sklaverei? Warum 
tötest du mich nicht, wie du alles — alles getötet hast, was 
ich Liebes hatte, was ich Schönes und Holdes besaß, — einmal 
ein Königskind und nunmehr das klägliche Opfertier deiner 
unerbittlichen, grausigen, zermalmenden Gier?“ 
Das alles las der Sarazenenfürst aus den brennenden 
Augen des Knaben. 
Er richtete seinen Blick nach den Sternen. 
Lange — lange — 
Dann schaute er wieder auf den Knaben. 
Da fingen seine Augen an zu leuchten und zu funkeln, 
seine Lippen flüsterten, in seiner Brust krümmte es sich auf 
und nieder, sein ganzer Leib war in einer starken, erschütternden 
Bewegung. Und das wilde Feuer seiner Blicke strahlte jetzt 
in einem schönen und weichen Glanze — es waren die Tränen, 
die ihm stromweis aus den Augen stürzten. 
Er riß die Arme auseinander — mit einem Ruck hatte er 
den Knaben an seine Brust gerissen und weinend und stöhnend 
und singend und klagend preßte er seine Lippen auf den Mund 
des leise hinschluchzenden Königskindes. (Fortsetzung folgt)
	        
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