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Full Text: Anthropos, 10/11.1915/16

Die Astronomie des Kodex Nuttall. 
Ein Beitrag zur Kulturgeschichte Zentralamerikas. 
Von P. Damian Kreichgauer, S. V. D. 
Die astronomischen Aufzeichnungen in allen mexikanischen Schriften 
haben eine für den heutigen Leser sehr störende Eigenschaft: sie sind mit 
großer Sorgfalt „chiffriert“. Sie enthielten die am höchsten geschätzten Mysterien 
für die Eingeweihten, und ihre Geheimhaltung wurde für wichtiger angesehen 
als die irgendeines rein religiösen oder geschichtlichen Stoffes. Nur dadurch 
ist die auffallende Erscheinung zu erklären, daß wir über die Volksreligion 
einzelner Orte sehr eingehende und zuverlässige Nachrichten besitzen, z. B. über 
die religiösen Feste und Opfer der Bewohner von Mexiko-Tenochtitlan durch 
Sahagun, daß wir auch über einzelne Teile mancher Priesterreligion ziemlich 
unterrichtet sind und Bruchstücke der alten Geschichte jener Völker kennen; 
dagegen haben auch die geschicktesten Missionare und gut unterrichtete Amts 
personen gar nichts berichten können über die Hauptresultate der astronomi 
schen Beobachtungen aus jener Zeit. Keiner der wißbegierigen Zeitgenossen 
des eben besiegten mexikanischen Volkes konnte uns mitteilen, daß wesent 
liche Teile der wichtigsten uns erhaltenen indianischen Bücher_hauptsächlich 
deshalb geschrieben oder vielmehr gemalt wurden, um darin Resultate hundert- 
und tausendjähriger Himmelsbeobachtung zu verstecken. Die gelehrten Priester 
wählten für ihre Zeichenkünste allerdings sehr häufig mythologische Stoffe, 
sie reihten sie aber oft ohne gegenseitige Beziehungen in bunter Reihe lose 
aneinander. Nur in wenigen Fällen benützten sie zusammenhängende Mythen 
zur Einkleidung astronomischer Zahlen, aber auch dann trifft man darin Pro 
dukte der individuellen dichterischen Phantasie des Autors. Einzelne Zusammen 
stellungen waren ihrem Hauptinhalte nach konventionell geworden, aber jeder 
dieser Schriftmaler hat doch auch hierin wieder in manchen Einzelheiten seinen 
persönlichen Standpunkt gewahrt. Es kommt häufig vor, daß die bildliche 
Darstellung durch Füllwerk künstlich gedehnt ist, damit sie der Länge der 
astronomischen Mitteilung entspreche; sehr selten aber findet man das Gegen 
teil, im Kodex Nuttall unter den 17 astronomischen Mysterien nicht ein ein 
ziges Mal. 
Wenn nun auch die Autoren auf viele ihrer Bilder wenig Wert gelegt 
haben mögen, so sind doch manche von ihnen für uns von unschätzbarem 
Werte, weil sie vielfach die einzigen völlig authentischen Zeugen der religiösen 
Ansichten in den kompetentesten mexikanischen Priesterkreisen bilden. Diese 
letzteren waren übrigens schon innerhalb der Hauptstadt Mexiko in scharf 
getrennte Lager geschieden und hatten bei weitem nicht die gleichen mytho 
logischen Lehren. Die gebildetsten unter ihnen waren die Priester Quetzal- 
coatls und die der Symplegaden-Göttin Tlagolteotl , der Herrin des Klapptores 
am westlichen Horizont. Letztere wurde aus naheliegenden Gründen auch als 
Erd- und Mondgöttin verehrt. Von den Priestern der diesen beiden Gottheiten 
Anthropos X-XI. 1915—1916. 1
	        
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