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Full Text: Anthropos, 32.1937

Bibliographie. 
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auch nicht ganz belanglose Meinungsverschiedenheiten können meine aufrichtige Be 
wunderung für Nehring’s Leistung nicht beeinträchtigen. Einzelne Punkte werde ich 
nachher zur Sprache bringen. 
Auch die zweite Abhandlung des vorliegenden Bandes darf unser lebhaftes Inter 
esse beanspruchen. Sie ist von Wilhelm von Brandenstein, dessen sehr originelle 
Arbeit über „Die erste indogermanische' Wanderung“ uns noch ganz frisch in der Er 
innerung ist und der uns jetzt gleich darauf mit einer in mancher Hinsicht musterhaften 
Analyse der „Lebensformen der Indogermanen“ aufwartet und uns zu erneuter selb 
ständiger Durcharbeitung des schwierigen Stoffes anregt. Nicht daß er mich in allen 
Punkten überzeugt hätte. Vieles, sowohl in seiner früheren wie in dieser neuen Arbeit, 
ließe sich meines Erachtens auch in anderem Sinne deuten, aber dennoch stehe ich nicht 
an, seine linguistisch-kulturhistorische Methode, die er mit vollem Recht als seine eigene 
betrachten darf, in der Hauptsache als richtig anzuerkennen. Ich glaube, daß auf dem 
von Brandenstein eingeschlagenen Wege sich in der Zukunft noch mancher schöne 
Aussichtspunkt erreichen lassen wird. Vorläufig aber müssen seine bisweilen anfecht 
baren Ergebnisse mit den Ergebnissen anderer Forschungsmethoden sorgfältig ver 
glichen und daran geprüft werden. Aus dem Zusammenprall der verschiedenen 
Meinungen ergibt sich zwar nicht die Wahrheit ohne weiteres, sondern bestenfalls nur 
eine neue Ansicht, die auch wieder der Korrektur bedürftig sein wird. Aber wir hoffen, 
daß, wenn wir alle, jeder auf seinem eigenen Terrain, doch mit gebührender Rücksicht 
nahme auf die Resultate anderer Forschungsgebiete vorurteilslos Zusammenwirken, wir 
der absoluten Wahrheit immer näher kommen werden. 
Nach Brandenstein folgen drei äußerst wichtige, auf das Pferd bezügliche 
Studien, die für weitere Untersuchungen nach der Bedeutung des Pferdes im ältesten 
Indogermanentum den erwünschten festen Boden bereiten. Mit gewohnter Meisterschaft 
zerlegt Wilhelm Köppers in seiner tiefschürfenden Abhandlung „Pferdeopfer und Pferde 
kult der Indogermanen“ den ganzen Pferderituellkomplex in seine, von altarktischem 
abgesehen, teils innerasiatischen, teils „südlichen“ Elemente; Robert Bleichsteiner be 
handelt „Roßweihe und Pferderennen der kaukasischen Völker“; Wolfgang Amschler 
beschenkt uns mit einer dankenswerten Übersicht der „ältesten Funde des Hauspferdes“. 
Besonders wichtig für das Indogermanenproblem ist der von den meisten Forschern bisher 
nicht genügend gewürdigte, von Amschler stark betonte Umstand, daß das Pferd in der 
Tripoljekultur nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt (S. 504—506, 515). Nicht weniger 
von Belang für dieselbe Frage sind auch die zahlreichen Entsprechungen und Wechsel 
beziehungen, die Bleichsteiner zwischen Kaukasiern, Indogermanen und Uralaltaiern 
aufdeckt (S. 486—495). 
Gordon Childe weist in der sich dann anreihenden Abhandlung „The antiquity 
of Nordic culture“ überzeugend die Gleichzeitigkeit nordischer Kulturphasen mit viel 
höheren Kulturen in anderen Ländern nach. „Typological parallelism (i. e. homotaxy) — 
sagt er ganz zutreffend auf S. 524 — must not be mistaken for synchronism.“ Und 
S. 529—530 zieht er aus seinen einleuchtenden Erörterungen die notwendigen Folge 
rungen für die indogermanische Urheimatsfrage. 
In einem kurzen Aufsatz „Die Uraltertumskunde zur Frage der indogermanischen 
Urheimat“ versucht dann weiter Pittioni die archäologischen Daten mit Branden- 
stein’s auf Wortvergleichung beruhenden ansprechenden Hypothesen in Einklang zu 
bringen. Für Pittioni sind die Träger wenigstens eines Teiles der kammkeramischen 
Kultur die Urindogermanen gewesen, wobei die Ausdehnung dieser Kultur nach dem 
Westen dem Übergangsstadium zwischen Brandenstein’s früh- und spätindogermani 
scher Zeit entspricht (s. insbesondere S. 543—544). 
Dann folgt eine durch weiten Ausblick und vollkommene Stoffbeherrschung aus 
gezeichnete, ausführliche und reichdokumentierte Studie von Alois Closs über „Die 
Religion des Semnonenstammes“, eine Religion, deren zentrale Bedeutung für das Er 
kennen außergermanischer Beziehungen hell beleuchtet wird. Ferne Zusammenhänge 
erschließt auch Alexander Slawik’s überraschender Aufsatz „Kultische Geheimbünde 
der Japaner und Germanen“.
	        
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