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Full Text: Anthropos, 32.1937

Zehn Volkserzählungen aus Peking. 
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Zehn Volkserzählungen aus Peking. 
Verdeutscht von Friedrich Weller. 
Die nachfolgenden zehn Erzählungen beruhen auf handschriftlichen 
Texten in chinesischer Umgangssprache, welche mein Lehrer, Herr Tunq 
Hsiang-tschen *, aus der Pekinger Volksüberlieferung für mich niedergeschrie 
ben hat. Sie gehören samt und sonders in die Klasse der hsiaohuar **. Leider 
ist es zunächst nicht möglich, den chinesischen Wortlaut zusammen mit der 
Übersetzung zu veröffentlichen, ich hoffe aber, daß es möglich sein wird, auch 
die Texte noch bekanntzugeben. Nach der Angabe meines Lehrers hat er den 
Wortlaut der Erzählungen selbst festgelegt, die Stoffe der Erzählungen aber 
teils seinem eigenen reichen Schatze an Erzählungen entnommen, teils sie von 
anderen Pekinesen erzählt bekommen. Alle Erzählungen sind seiner Angabe 
nach in der Überlieferung von Mund zu Mund auch heute noch in Peking 
lebendig und keinen literarischen Quellen entnommen V 
1. Undankbarkeit. 
Nach der Erzählung der Leute war im Osten von Peking eine Familie 
namens Hao. Bei den Eltern lebten fünf Söhne und zwei Töchter. Man hielt 
in der Familie einige hundert Acker Landes unter Kultur, und es war gar viel 
Dienstvolk angestellt. Auf dem Lande konnte man ihn als einen reichen Mann 
bezeichnen. Doch war er nicht nur eip reicher Mann, sondern auch ein tugend- 
samer Mensch. Der Alte war sehr gut von Gemüt, und darum stand er ihm 
hundertfach bei, wenn er ein armes Luder sah. Weil er ohne alles Verständnis 
für Geiz war, er wirklich ein guter alter Mann war, der, ohne etwas auf seinen 
Reichtum zu geben, rechtlich war, so bezeichnete ihn jedermann als Hao 
den Guten. 
Eines Tages nun steckte sich dieser Hao der Gute, als er nach dem Essen 
nichts weiter zu tun hatte, Silberlinge ein und ging in die Stadt hinein, um 
ein bissei herumzuschlendern. Als er auf die Straße gekommen war und ging 
und ging, hörte er plötzlich hinter sich jemanden sagen: „Tun Sie ein gutes 
Werk, alter Herr! Lassen Sie Mitleid walten mit mir, einem Bettler!“ (Das sagte 
* Rudenberg, Chines.-deutsches Wörterbuch, Hamburg 1924, Nrn. 5764, 
2421, 5418. 
** R. 2452, 2772, 4177. 
1 Aus derselben Sammlung habe ich bereits in Zeitschr. d. Deutschen Morgenl. 
Ges., N. F., Bd. XII (1934), 138—176, und in Zeitschr. f. Missionskunde u. Religions 
wissenschaft XLIX (1934), 225—243, einige Stücke in deutscher Übersetzung ver 
öffentlicht.
	        
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