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Full Text: Anthropos, 45.1950,1-3

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Johann Knobloch, 
[45, 1950] 
Wissensbereichen nicht gering h Mögen sie hier nun einmal selbst zu Worte 
kommen und in ihrer eigenen Sprache, in kräftiger Ausdrucksweise und einem 
in seiner Unmittelbarkeit uns holperig vorkommenden Stil — den nachzu 
bilden ich in der Übersetzung bestrebt war — über ihr Leben berichten. 
Dem Kundigen enthüllt sich hier in diesen Andeutungen das ganze 
System einer primitiven Geisteshaltung, die den Gegenständen der Umwelt 
das Vermögen zuschreibt, gute oder schädliche Kräfte auszustrahlen, zu 
speichern und bei Berührung abzugeben. Im nachfolgenden Kapitel über 
„prästapen“ (= magische Unreinheit) überwiegt der Glaube an die schädigende 
Kraft, die hier von der Frau unter gewissen Umständen oder von bestimmten 
Tieren und Leuten, die mit ihnen zu tun haben, ausgeht. Zugleich aber 
ist diese Kraft ganz in den Dienst der moralischen Wertung von Gut und 
Böse getreten, indem der Mensch, der das göttliche Gesetz Übertritt, den 
gleichen Meidungsvorschriften verfällt. Darin zeigt-sich das hohe Ethos dieser 
Naturkinder, ebenso wie in ihrem Eingottglauben. Der Name Gottes bei den 
Zigeunern, bäro dewel, geht auf sanskr. devatä „Gottheit“ zurück, ist also von 
indogermanischem Adel. 
Die Zeremonien bei der Eheschließung scheinen auf den Brauch der 
Raubehe zu deuten. Auch hier belehren uns die Zigeuner darüber, daß die 
Keuschheit bei ihnen gilt und für Übertretungen die Strafe nicht ausbleibt. 
Bei den Gebräuchen, die mit der Geburt und der Wartung des Klein 
kindes verbunden sind, spielt der Glaube an die magische Unreinheit der 
Frau in dieser Zeit die beherrschende Rolle, weiterhin aber auch Dämonen 
furcht und Amulettglaube. 
Über Tod und Bestattung habe ich leider zu wenig in Erfahrung 
gebracht. Bemerkenswert ist das erwähnte Speise verbot. Der Glaube an das 
Weiterleben der Toten hat gleichfalls fruchtbare Einwirkung auf die Moral 
im „Schwur bei den Toten“. 
Aus dem Munde eines „Rechtsprechers“ erfuhr ich Einzelheiten über 
das soziale Leben und die „Rechtsprechung“, die Lossprechung von den 
durch „prästapen“ verursachten Meidungen. Es überrascht, daß die Ehrlich 
erklärung von keiner weiteren Zeremonie begleitet ist, als von dem gemein 
schaftlichen Trinken aus dem bislang für unrein gehaltenen Glase. Man muß 
wohl annehmen, daß diesem Trinken selbst eine kultische Bedeutung zukommt 
oder zukam, etwa wie bei unseren Ahnen ; durch die heilige Kraft dieser 
Handlung kann dann die schädigende Kraft der „prästapen“ gebrochen werden. 
Die Texte stammen von Sinti-Zigeunern aus der Steiermark und wurden 
im Frühjahr 1943 aufgenommen. Mehrere Gewährspersonen stammten aus 
Württemberg. Gerade bei den wandernden Sinti hat sich mancher Brauch und 
Glaube erhalten, den wir bei den seßhaften Romäni-Zigeunern des Burgen 
landes vergebens suchen würden. Zu einigen Gebräuchen finden wir anklin 
gende auch im Burgenland ; ich habe sie in der Darstellung berücksichtigt. 1 
1 Für die Volkskunde zuletzt Dr. Martin Block, „Zigeuner, ihr Leben und ihre 
Seele, dargestellt auf Grund eigener Reisen und Forschungen“. Leipzig 1936.
	        
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