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Full Text: Globus, 48.1885

Mit besonderer Herüebsichtignng der Anthropologie und Ethnologie. 
Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Fachmännern herausgegeben von 
Dr. Richard Kiepert. 
Braunschweig 
Jährlich 2 Bände ä 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und Postanstalten 
zum Preise von 12 Mark pro Band zu beziehen. 
1885. 
Cagnat's und Saladillas Reisen in Tunesien. 
v. 
Daß Kairuan eine heilige Stadt sei, ist ausgemacht; 
aber man hat arg übertrieben, wenn man in ihr eine Art 
Nebenbuhlerin von Mekka sehen wollte. Kairuan hat 
seine Geltung namentlich dem Umstande zu verdanken, daß 
es in scharfem Gegensatze zu den Maurenstädten eine rein 
arabische Gründung war und immer geblieben ist, und das 
spiegelt sich auch in seiner Geschichte und seinen Bauwerken 
wieder. 
Die Stelle der heutigen Stadt scheint im Alterthume 
völlig unbebaut gewesen zu sein; aber schon im Jahre 41 
der Hedschra, als M o a w i j a i b n - H u d e i d s ch auf Befehl 
des Chalifen Moawisa I. das erste Araberheer nach 
Nordafrika führte, gründete er nach der Schlacht am 
Amphitheater von Thysdrus und der Zerstörung von 
Suffetulae hier eine Stadt als Centrum der arabischen 
Macht. Er hatte mit Hilfe der Berber seine Siege er 
fochten, als aber diese merkten, daß die Araber sich bleibend 
in ihrem Lande anzusiedeln gedachten, schlugen sie sich zu 
den Byzantinern, und der Araber zog vor, mit seiner Beute 
nach Aegypten zurückzukehren. Seine Stadt wurde natür 
lich von Grund aus zerstört; Sidi Okba ben Nafi, 
der große Held des Islam in Nordasrika, errichtete sie 
668 wieder und soll damals schon den Grundstein zur 
großen Moschee gelegt haben; aber als er in Ungnade fiel 
und abberufen wurde, gab sein Nachfolger Moslim ben 
MLchlid die Stadt wieder auf und ließ sie zerstören. 
Die Fortschritte der Griechen und Berber zwangen den 
Chalifen, Sidi Okba wieder mit dem Kommando zu be 
trauen, und diesmal gründete er Kairuan an seiner heutigen 
Stelle und definitiv. Seine Gefährten schlugen ihm vor, 
Globus XLV1II. Nr. 22. 
Susa, das sich ihm ergeben, zur Hauptstadt von Jfrikya 
zu machen, aber eine Seestadt schien Okba zu gefährlich, 
denn damals beherrschten die Byzantiner mit ihren Flotten 
noch das Meer; er zog die Stelle hinter der großen Sebcha 
vor, wo in der Ebene die Kameele Weide fanden, und die 
Reiterei, die überlegene Waffe der Araber, sich frei ent 
wickeln konnte. Nach der arabischen Tradition war die 
Gegend — von den beiden vorausgegangenen Städte 
gründungen ist dabei keine Rede — eine mit dichtem Ge 
strüpp erfüllte Wildniß, die von wilden Thieren und Gift 
schlangen wimmelte. Aber Sidi Okba hielt diesen eine 
Standrede, in Folge deren sie alsbald vor den Gefährten 
des Propheten das Land räumten und verschwanden; nur 
eine Schlange war ungehorsam und blieb zurück; sie wurde 
dafür in Stein verwandelt und wird heute noch in der 
Moschee als Wahrzeichen vorgewiesen. Auch den Reisen 
den wurde sie gezeigt, erschien ihnen aber nur als eine ganz 
gewöhnliche, aus Stein gehauene Verzierung, den Kairuanern 
gilt sie als ein mächtiger Talisman, an dem das Wohl der 
Stadt hängt. Auch die Stelle, wo die große Moschee er 
baulist, wurde dem Helden auf wunderbare Weise bezeichnet; 
eine innere Stimme befahl ihm, am Morgen mit der heili 
gen Fahne voranzugehen, bis er, ohne Jemand zu sehen, 
von einer Stimme das erste Kapitel des Koran hersagen 
höre; dort solle er seine Fahne in die Erde stecken und den 
Mihrab der neuen Moschee errichten. 
Diese wunderbaren Ereignisse werden von manchen 
Autoren schon in das Jahr der ersten Gründung Kairuans, 
671, gesetzt; die heutige Stadt aber datirt erst von 684. 
Freilich ist die Geschichte des ersten Einfalles der Araber 
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