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Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 4.1958

Karl Schulte Kemminghausen — Münster 
Jakob Grimm und das serbokroatische Volkslied 
I. Die persönlichen Beziehungen Jakob Grimms zu den südslawischen 
Sammlern Kopitar und Karad£i6 
Bei ihren Bemühungen um die Erforschung der frühen deutschen (germanischen) 
Dichtung kamen die Brüder Grimm, unter dem Einfluß der HERDERschen Gedanken 
vom Gegensatz der Natur- und Kunstpoesie stehend, zur Beschäftigung mit der 
deutschen und ausländischen „Volksüberlieferung“. Sie sammelten vor allem Volks 
sagen, -märchen, -lieder und -bücher. Ihre Freunde ACHIM V. Arnim und CLEMENS 
BRENTANO, denen sie bei der Zusammenstellung des 2. und 3. Bandes von Des 
Knaben Wunderhorn behilflich gewesen waren, erwarben auf ihrer Reise nach den 
böhmischen Besitzungen der Familie Brentano 1 ) eine große Zahl von Volksbüchern 2 ). 
Brentano schrieb darüber am 3. September 1810 aus Berlin an Jakob und Wilhelm 
Grimm: „In einem Wallfahrtsort habe ich Ihnen auf der Rückreise zwei Dutzend 
Volksbücher nicht ohne Mühe erkauft, erstens weil ich kein Wort von der Sprache 
Verstehe, zweitens weil mit Arnim auch gar nichts bei solchen Gelegenheiten zu 
Aachen ist, der sich die Mühe nicht gibt, sich um dergleichen zu bücken, und ohne 
Ursache weiter trieb. Sie erhalten sie, nebst zwei Büchern des Dobrowsk^- über 
slavische Literatur, nur für Sie gegeben, mit dem Postwagen. Dobrowsky ist ein 
guter alter gelehrter, verwirrter, ungemein dienstfertiger, zu Zeiten mit Geistes- 
Serrüttung geplagter Hannepampel, der eine schöne Bibliothek hat, worin manches 
a ltdeutsche sein mag, die ich aber nicht gesehen, da er im Begriff war, zu verreisen. 
Br sagte mir, daß er alte böhmische Volksbücher habe, und Sie können sich förmlich 
in gelehrten Briefwechsel mit ihm einlassen; er ist gar gutmütig“ 3 ). So war die Ver 
bindung mit diesem großen, von Brentano in seiner Weise liebenswürdig kari 
kierten böhmischen Gelehrten, dem Begründer der slawischen Philologie, J.DoBROVS- 
KV (1753 — 1829) hergestellt, mit dem seit dem 20. März 1811 ein umfangreicher 
Briefwechsel geführt wurde 4 ). 
*) Vgl. hierzu: Das unsterbliche Leben. Unbekannte Briefe von Clemens Brentano, 
hierausgegeben von Wilh. Schellberg und Friedrich Fuchs, Jena 1939, S. 443ff. 
a ) Arnim an J. u. W. Grimm 3. Sept. 1810. In: R. Steig: Achim von Arnim und J. u. W. 
Grimm. (1904), III, S. 70. 
3 ) R. Steig: Clemens Brentano und die Brüder Grimm. 1914, S. 108f. 
*) Briefe Dobrovsk^s an Grimm sind von Jagiö veröffentlicht im Archiv für slavische 
Philologie I (1876), S. 624—628; II (1877), S. 177 — 189; Briefe Jakob Grimms an Dobr. 
v on August Sauer in: Prager Deutsche Studien, hrsg. von Karl v. Kraus und August 
Sauer, VIII. Heft, Prag 1908, S. 568—620; Biographie Dobrovsk^s: V. Brandl: 2 ivot 
Josefa Dobrovskdho. Brünn 1833; vgl. auch A. Noväk: Tschechische Literatur in: Hand 
buch der Literaturwissenschaft, S. 3 5 f. 
1 Volkskunde