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Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 9.1963

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Harry Schewe 
sie gerade finden konnte, erhalten haben. Hierbei kommen wieder einige . . .“ Die 
Frage ist: hat sich irgendwo der Begleitbrief dieser unbestätigten Sendung erhalten? 
Gleich in seiner ersten Tagebuchaufzeichnung über Bettina vom 5.x. 44 11 hat 
Rudolf Baier, der in ihrem Auftrag die beiden ersten Bände der vierbändigen Neu 
ausgabe des Wunderhorns betreute, sich über das ihm nach Hause mitgegebene hs. 
Wunderhornmaterial geäußert. Er hat „herrliche Sachen“ gefunden, „auch Briefe an 
Arnim und Brentano mit Zusendungen von Volksliedern.“ „Von allen Manuscripten 
zeichnen sich die von der Hand Grimms (welches ? 12 ) am meisten aus durch Innigkeit 
und Gedankenfülle.“ „Grimm macht in mehreren Briefen auf die Wichtigkeit einer 
Untersuchung der Volkslieder aufmerksam und nennt zu dem Behufe die Varianten 
bemerkenswert!!.“ Kurz, außer dem undatierten Brief, den wir durch Bode kennen, 
befindet sich auch der jetzt gesuchte Begleitbrief, leider nur in Abschrift, in dem Greifs- 
walder Teil des Baier-Nachlasses. Gassen druckt (a. a. O. S. 84) einen Passus daraus 
ab, der volle Wortlaut ist m. W. noch nicht veröffentlicht, auch nicht durch Wilh. 
Schoof in den „Unbekannten Briefen der Brüder Grimm“ (Bonn i960). Jacob 
Grimm (offenbar nicht Wilhelm) schreibt: 
Caßel am 2 ten September 1806. 
Nach Ihrem gütigen Verlangen schicke ich Ihnen hierbei alles, was ich habe finden 
können, aber mehr, um meinen guten Willen zu bezeigen, als daß ich wirklich etwas 
bedeutendes, Ihnen Werthes schickte. Denn das meiste werden Sie schon haben, 
oder anders woher besser erhalten. Ich glaube überhaupt, daß in diesem biertrinken 
den, u. vielleicht in ganz Norddeutschland viel weniger von Volksliedern steckt, 
als in dem südlichen Theil, u. ich hoffe Sie werden von Ihren dortigen Sammlern 
recht viel bekommen, wenn diese anders eine solche Neigung als ich für Ihr Vorhaben 
gefaßt haben, woran nicht gezweifelt werden darf. Meine besten Quellen haben mir 
nur das wieder gebracht, was Sie bereits kennen, und selbst manches von dem, was 
ich Ihnen dennoch sende, sind nur mehr oder minder abweichende Variationen be 
kannter Lieder, und insofern Ihrer Sammlung unnütz, ob schon in anderer Hinsicht 
wenn man will zu einer Abhandlung über Volkslieder interessant. Welches ich Ihnen 
alles aber nicht zu sagen brauche. 
Den Draud [s. o.] u. einige andere literärische Bücher habe ich fleißig excerpirt, 
und sowohl auf der Bibliothek Liederbücher gefodert, als mich anderer Orte danach 
umgethan, aber gar nichts bisher erhalten können. 
Sagen Sie mir aber doch, wie lange es noch Zeit hat, Ihnen das, was ich in Zukunft 
auftreiben werde, schicken zu können. — Ich wünschte sehr zuweilen bei Ihnen 
zu seyn, um Ihre schönen Sammlungen in solchen u. anderen Sachen recht zu ge 
nießen, u. Ihre Meinung über vieles zu hören. Mein Bruder ist in diesem Stück völlig 
gleichgesinnt, u. empfiehlt sich mit mir dem guten Andenken Ihrer Frau sowohl, 
welche sich sonst in Marburg so gütig gegen uns bezeigt hat, als dem Ihren ergebenst 
Grim 
11 Bettina von Arnim und Rudolf Baier. Unveröffentlichte Briefe und Tagebuchauf 
zeichnungen hg. von Kurt Gassen. Greifswald 1937, S. 18. 
12 Er war also unsicher in der Bestimmung der Handschrift.