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Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 9.1963

JiRi HoRÄK-Prag 
Jacob Grimm und die slawische Volkskunde 
Die hundertste Wiederkehr des Todestages Jacob Grimms läßt die Erinnerung 
an die Persönlichkeit eines jener genialen Bahnbrecher lebendig werden, die für die 
Forschung auf einem umfangreichen Gebiet sichere Grundlagen geschaffen und damit 
eigentlich ein neues wissenschaftliches Fach begründet haben. Jacob Grimm, dem 
ersten großen Meister der vergleichenden historischen Methode, mit deren Hilfe 
er die Entwicklung der Sprachen der germanischen Völker, ihre Mythologie, ihre 
Volksdichtung und die alte Literatur in breitem Umfang neu beleuchtete, gebührt 
auch in der Geschichte der slawistischen Studien ein hervorragender Platz. Hinter 
dem großen Forscher zeichnet sich ein Mensch ab, ein unvergeßlicher Repräsentant 
der deutschen Kultur in einer Zeit, in der das goethische Ideal der Weltliteratur be 
geisterte Anhänger fand, gerecht und unparteiisch auch gegenüber fremden Kulturen, 
besonders den slawischen; neben Herder bleibt Grimm der edelste Slawenfreund. 
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Deutschland trotz schwerer politischer und 
wirtschaftlicher Katastrophen Weltgeltung erreichte, suchte die junge Generation 
die drückende Last der fremden Vorherrschaft durch die Erinnerung an eine große 
Vergangenheit und durch den Glauben an die Kraft des einfachen Volkes zu über 
winden. Die deutsche Literaturwissenschaft hat die Bestrebungen insbesondere des 
Heidelberger Kreises eingehend untersucht, die darauf gerichtet waren, nicht nur 
die alte deutsche Literatur kennenzulernen, sondern auch den Quellen der besonderen 
Schönheit nachzuspüren, die in der Volksdichtung verborgen ist. Die große Ten 
denz der Zeit erfüllten Achim von Arnim und Clemens Brentano mit der Heraus 
gabe deutscher Volkslieder (Des Knaben Wunderhorn x 806 —1808) sowie die Brüder 
Jacob und Wilhelm Grimm mit der Sammlung deutscher Volksmärchen ( Kinder- 
und Hausmärchen, 1812 — 1815). Es ist bekannt, daß vor dem Rußlandfeldzug, als 
noch Napoleon über Deutschland herrschte, besonders Wien der Zufluchtsort jener 
Deutschen war, die einen geheimen oder offenen Kampf gegen die Vorherrschaft 
der Okkupanten führten, Friedrich Schlegel, der kritische Führer der älteren deut 
schen Romantik, Clemens Brentano und andere hielten sich damals in Wien auf. 
Und Wien bedeutete in mancher Hinsicht auch eine neue Periode im Leben Jacob 
Grimms. 
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Es ist in der Tat ein symbolisches Zusammentreffen, daß Grimm seine Beziehungen 
zu slawischen Gelehrten mit Briefen an Josef Dobrovsky (175 3 —l8z 9) eröffnete, den