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Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 9.1963

Gyula Ortutay — Budapest 
Jacob Grimm und die ungarische Folkloristik 
Lassen Sie mich mit zwei Zitaten beginnen! Szende Riedl schloß seine akademi 
sche Gedenkrede auf Jacob Grimm mit den folgenden Worten: 
„Und damit nehme ich Abschied von Jacob Grimm in dem beruhigenden 
Bewußtsein, daß meine ungarische Heimat auch sich selbst die Ehre gab, als 
sie Jacob Grimm zum auswärtigen Mitglied der Akademie wählte. Und darum 
darf ich wohl hoffen, daß der Name dieses Mannes heute nicht zum letzten Mal 
in unseren heiligen Mauern ausgesprochen wurde, vielmehr wird er noch lange 
respektvoll erwähnt werden auch in den Zeiten, wenn auf den Plätzen, die heute 
wir einnehmen, die Söhne anderer Generationen sitzen, und wenn nichts mehr 
von demjenigen übrig sein wird, der zu den wenigen Glanzpunkten seines 
Lebens den Augenblick gezählt hat, da ihm die Ehre zuteil wurde, über Jacob 
Grimm in so erlesenem Kreise sprechen zu dürfen.“ 1 
Jänos Arany, neben Sändor Petöfi der größte Dichter der ungarischen nationalen 
Klassik, schrieb in der Würdigung einer internationalen Volksmärchenausgabe über 
die Bedeutung der Brüder Grimm: 
„Die am spätesten die Aufmerksamkeit auf sich lenkten, waren die volkstüm 
lichen Feen- und Ammenmärchen; und es ist hauptsächlich ein Verdienst der 
Brüder Grimm, daß ihre Bedeutung gewürdigt und ihre Erforschung zur Wissen 
schaft erhoben wurde. Durch ihre Entdeckungen wurde es möglich, ein 
Ammenmärchen aus dem Deutschen bis ins Isländische, aus dem Isländischen 
ins Zendische oder Sanskritische und von dort bis zu den Papyri der Pyramiden 
zu verfolgen, so daß es schließlich recht glaubhaft erscheint, daß das Märchen 
zu allererst in den schattigen Tälern des Imaus-Berges zur Belustigung der Kin 
der eines arischen Urstammes erzählt wurde.“ 2 
Diese beiden Äußerungen bezeugen, daß die Größe und Bedeutung Jacob Grimms 
oder vielleicht richtiger der Brüder Grimm in unserem Lande früh erkannt und ge 
würdigt wurden. Aus den Zitaten könnte aber auch geschlossen werden, daß die 
1 Szende Riedl: Emldkbeszed Grimm Jakab felett (Gedenkrede über Jacob Grimm). In: 
Ertekezesek a nyelv ¿s szäptudomänyok köreböl (Abhandlungen aus dem Kreise der Sprach- 
und Literaturwissenschaft. Des weiteren: Akad. Ert.) Bd. IX/3. (1873), S. 12. 
2 Jänos Arany: Összes prözai müvei es müforditasai (Sämtliche Prosawerke und litera 
rische Übersetzungen). Budapest o. J., S. 817.