Page Banner

Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 9.1963

Friedrich Sieber — Dresden 
Die Deutung des „Todaustreibens“ („Todaustragens“) 
in Jacob Grimms Deutscher Mythologie 
und in der neueren Forschung 
I. 
„Die Völker hängen und halten fest am Hergebrachten; wir werden ihre Über 
lieferung, ihren Aberglauben niemals fassen, wenn wir ihm nicht ein Bett noch auf 
heidnischem Boden unterbreiten.“ 1 Mit diesen schlichten, unpathetischen Worten 
umreißt Jacob Grimm wie im Nebenbei das Arbeitsziel seiner Deutschen Mythologie. 
Der Begriff der Rekonstruktion germanisch-deutscher Mythologie und Mythik wäre 
für die vorsichtig tastende Arbeitsweise des Werkes zu scharf konturiert. 
Alle Arten geistiger Äußerung stellt Grimm in den Dienst seiner Untersuchung. 
Am liebsten handhabt er den Zauberstab der Sprachausdeutung, um versiegelte 
Zeugen zum Sprechen zu bringen. Doch ebenso spürt er den halbverwehten Spuren 
des „innerdeutschen Altertums“ in früher Dichtung nach, in Heldensage und Volks 
sage, Märchen, Genealogie, Rechtsverhältnissen, in Sitte und Brauch, Volks 
glauben, Spruch und Segen und Spiel. Dabei muß ihm Altüberliefertes Neueres er 
hellen, und Neueres muß ihn zu Ursprünglichem zurückführen. Doch nicht nur die 
einheimische Überlieferung nützt er für sein Vorhaben. „Völker grenzen an Völker. 
Friedlicher Verkehr, Krieg und Eroberung verschmelzen ihre Schicksale.“ 2 Vor 
allem im Vergleich mit der Mythologie der Griechen und Römer, der Kelten, 
Slawen, Litauer, Esten und Finnen sucht er die Welt des „einheimischen Heiden 
tums“ zu erhellen und öffnet so Horizonte wie keiner vor ihm. Als hochgespannter 
Bogen wölbt sich die junge Erkenntnis indogermanischer Urgemeinschaft über dem 
ausgreifenden Werk, das einen in Jacob Grimms Schätzung grundlegenden Kultur 
bereich, nämlich den Bereich der Glaubenswelt im germanisch-deutschen Altertum, 
zur Darstellung bringen will. In der Hochform fest konturierter Götter und Helden, 
in wandelreichen mythischen Wesen, in Elementen, in Bäumen, Tieren, in Himmel 
und Gestirn, im Gang des Tages und der Gezeiten, im Schicksal, in Krankheit tritt 
in jener Frühzeit Heil und Unheil dem Menschen gegenüber und rührt ihn an. Dieses 
Gegenüber wird von Grimm sachlich nüchtern in Namen, Art, Wirkweise erfaßt 
und ohne mystifizierende Schwärmerei hingestellt. Und doch bringen ihm seine 
Untersuchungen tiefe persönliche Befriedigung: „Mir widerstrebt die hoffärtige An- 
1 Mythologie I, Vorrede S. VI. Wir zitieren die Deutsche Mythologie nach dem unver 
ändert photomechanischen Nachdruck der vierten Ausgabe, besorgt von E. H. Meyer. 
Tübingen 1955. 
2 Mythologie I, Vorrede S. XIX.