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Full Text: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 12.1966

Zur Beziehung zwischen Märchen und Sage 
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zur Kenntnis nehmen — was geradezu bezeichnend für die damalige Wertung des Berufs 
standes ist — daß die bergmännische Thematik sogleich das von Wien 12 ausgehende bürger 
liche Singspiel einleitete und ihm Eingang nicht nur in Deutschland, sondern zugleich auch 
in Polen verschaffte. 
12 Das geschah zu einer Zeit, die wir zum Vorabend der Französischen Revolution zu 
rechnen haben, während das ältere, von Hamburg und Leipzig ausgehende Singspiel von 
diesen bewußt-bürgerlichen Zügen noch nicht erfaßt war. 
Zur Beziehung zwischen Märchen und Sage* 
Von Pertev Naili Boratav 
Über die Definition des Märchens und der Sage sowie über die grundsätzlichen Züge, 
die beide Gattungen unterscheiden, wurde schon viel gesagt und geschrieben. * 1 Ich will hier 
diese Frage nicht erneut stellen und diskutieren. Meine Absicht ist es nur, einige charakteri 
stische Beispiele aus der türkischen Folklore aufzuzeigen, in denen sich sogenannte Uber 
gangstypen finden. Ich halte die türkische Folkloristik in dieser Hinsicht für interessant, 
weil es in meinem Lande noch möglich ist, die Verwandlung einer der beiden Gattungen in 
die andere am lebendigen Beispiel zu beobachten. 
i. Beispiel: Sowohl im Märchen als auch in der Sage kann durch die Art und Weise 
des Erzählens, den Stil, die Ausdrucksweise, die Stoffülle usw., durch das Verhalten des 
Erzählers und seines Milieus die Gattung oder das Genre bestimmt werden. 
a) Märchen (TTV 91, AaTh 898 IIIc, IV): Eine Frau ist kinderlos. Ein alter Mann gibt 
ihr den Rat, eine Puppe herzustellen und eine Schwangere zu simulieren. Sie tut das auch. 
Als die Zeit gekommen ist, simuliert sie die Geburt. Ihr Mann und alle anderen werden ge 
täuscht. Man hält die neugeborene „Tochter“ vor allen verborgen, weil sie sehr schön ist 
und man den bösen Blick fürchtet. So „wächst sie heran“. Ein Königssohn hört von ihrer 
„Schönheit“ und verliebt sich in sie. Die Hochzeit findet statt, und bei der Fahrt „der Braut“ 
zum Schloß des Königssohns wirft die Mutter die Puppe in den Fluß. Die Gäste des Hoch 
zeitszuges ziehen sie heraus: Die Peri haben sie beseelt; sie ist ein junges und schönes mensch 
liches Wesen geworden. 2 
* Abkürzungen: 
AaTh = Antti Aarne und Stith Thompson, The Types of the Folktale. 3. Ausg. Helsinki 
1961 (= FFC 184). 
BP = J. Bolte und G. Polivka, Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der 
Brüder Grimm. 5 Bde. Leipzig 1913 —1931. 
HBH = Halk Bilgisi Haberleri (Istanbul). Bde I—X, 1929 —1941. 
Motif-Index = Stith Thompson, Motif-Index of Folk Litterature. 2. Ausg. 6 Bde. Kopen 
hagen 1955 —1958. 
TTV = W. Eberhard und P. N. Boratav, Typen türkischer Volksmärchen. Wiesbaden 
1953 - 
1 Vgl. unter den neuesten Untersuchungen: Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen. 
2. Aufl. Bern i960; ders., Volksmärchen und Volkssage. Zwei Grundformen erzählender 
Dichtung. Bern und München 1961; Lutz Röhrich, Märchen und Wirklichkeit. 2. Aufl. 
Wiesbaden 1964; K. V. Öistov, Zur Frage der Klassifikationsprinzipien der Prosa-Volks- 
dichtung. Vortrag auf dem VII. Internationalen Kongreß der anthropologischen und ethno 
logischen Wissenschaften. Moskau 1964. 
2 13 Versionen dieses Märchens wurden in TTV analysiert; 3 weitere, die in der letzten 
Zeit aufgezeichnet wurden, sind dort noch nicht enthalten: Ankara 62,16 (nicht lokalisiert); 
Ankara 62,27 (Bolu); Ankara 65,7 (nicht lokalisiert). Handschriftliche Texte der Sammlung 
Boratav.
	        
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